Jodhpur Tag 2

Das Frühstück war nicht üppig, aber der Blick aufs Meherangarh-Fort superb. Wir machten uns auf den Weg. Es war Sonntag und viel ruhiger in den Gassen als gestern. Wir nahmen den kürzesten Aufstieg, abseits des offiziellen. Juchhu! Endlich mal wieder Steinstufen! Nach zehn Minuten erreichten wir, na was wohl? Richtig! Einen Tempel. Auch am Sonntag wurde ein neuer Altar gebaut. Zum Glück zeigte uns ein Herr, wo es weiter ging. Wir hätten glatt den falschen Pfad genommen. Die Spur wurde immer enger, wir stapften über Abfall, eine tote Maus oder war es eine Ratte? Würde mir gleich eine Kobra den Weg versperren? Was müsste man dann machen? Dieter war mal wieder ein Stück vorausgeeilt. Es raschelte im Gesträuch. Nein, kein Wolf. Ein einäugiger Hund verkroch sich zu meiner Linken. “Dieter! Warte doch mal!” Es war absolut kein Touristenweg. Wir gingen weiter. Von hinten gelangten wir nach etwa einer halben Stunde zum Haupteingang. Die ersten Touristenbusse standen schon auf dem Parkplatz. Wir sprangen über eine Absperrung und stellten uns zum Body- und Taschencheck an. Es wäre allerdings niemandem aufgefallen, wenn wir es nicht getan hätten. Dann das Übliche: Tickets, Audio-Guide und los ging der Fort-Spaziergang durch Rajasthans Geschichte. 1459 wurde Jodhpur von Rao Jodha (Namensgeber) gegründet. Die Moguln hätten sich immer gern die Stadt einverleibt, aber die Festung erwies sich als uneinnehmbar. Stattdessen entschied man sich lieber zu Friedensverhandlungen. Die Schwester von Marwar-Herrscher Udai Singh wurde mit dem religiös-toleranten Großmogul Akbar verheiratet (1561). An einem ersten Stück Festungswand war eine Erinnerungstafel angebracht. Hier hatte sich mal Einer lebendigen Leibes einmauern lassen. Die Legende dazu: Als das Fort gebaut werden sollte, lebte ein Einsiedler hier, der sich nicht so einfach sein Zuhause nehmen lassen wollte. Natürlich war der Wille eines Maharanas stärker, und der Arme wurde vertrieben. Aber er belegte das Herrscherhaus mit einem Fluch, dass die Menschen im Fort an Wassermangel elend zugrunde gehen würden. Das bereitete dem König so viel Angst, dass ein Opfer her musste. Es fand sich ein leidenswilliger Untertan, und seitdem dürfen sich alle Festungsbesucher an dieser Gedenktafel erfreuen. Ich hatte irgendwie nicht so richtig Lust, mich fürs Foto vor die Mauerleiche zu stellen. Auch an die letzte große Sati (“freiwillige” Witwenverbrennung, dem rajputischen Ehrenkodex folgend), wurde erinnert: Nach dem Tod von Ehemann Maharadscha Man Singh im 19. Jahrhundert!!! verewigten seine Witwen ihre Handabdrücke in die Mauern, bevor sie in die Scheiterhaufen stiegen.

Nach einem zweistündigen Spaziergang durch die üblichen geschichtsträchtigen Höfe und Hallen mit prächtigen Verzierungen und feinstem Kunsthandwerk, herrlichen Ausblicken auf die blaue Stadt Jodhpur – die Dächer wurden einst indigo gestrichen auch zur Insektenabwehr,  hieß es – ließen wir es uns in dem schön angelegten Garten des Forts gutgehen.

Trotz meiner Bedenken  nahmen wir den nicht-offiziellen Weg zurück und verbrachten den Rest des Tages auf unserer Dachterrasse mit Meherangarh-Burgblick.

Von Ranakpur nach Jodhpur

Ärmliche Dörfer wechselten sich mit kargen Landstrichen und landwirtschaftlich genutzten Flächen ab. Je weiter es nach Westen ging, desto mehr konnte man die nahende Wüste erahnen.

Dann wurde es wieder indisch geschäftig, laut und voll. Wir kamen in die Millionenstadt Jodhpur. Das Sightseeing-Highlight, das eigentlich auf unserer Route lag, Kumbalgarh, wieder eine riesige Festung mit Palästen, ließen wir aus. Wir kommen ja schon so mit den ganzen Forts und Tempeln, die wir angeschaut haben, durcheinander. Und das, obwohl ich alles aufschreibe. Ajit setzte uns an einer Hauptstraße ab, und wir mussten mit ‘ner Motor-Rikscha weiter, weil die Gassen zu unserem Gästehaus zu eng wurden. Einer der beiden Herbergsbrüder holte uns ab. Es ist ein total niedlich und liebevoll eingerichtetes Zimmer, das wir bewohnen sollten. Als Nachttische haben wir zwei Elefanten. Die Dusche ist wieder im Klo, so dass immer der ganze Boden nach dem Duschen voller Wasser ist. Wenn man nur mal auf Toilette will, bekommt man nasse Füße, aber das kannten wir ja schon. Es gibt wieder eine Dachterrasse, diesmal mit Blick auf das Fort. Abends ist es erleuchtet und sieht schön aus. Wir wohnen mitten in der Altstadt, um uns herum: Basar. Wir haben uns durch die engen Gassen gedrängt. Es gab wirklich alles: Stoffe, Saris, Schneider, Textilien jeder Art, Elektrogeräte, Fahrräder, Planen, Obst, Kitsch, Süßigkeiten, Teigtaschen mit leckerster Gemüsefüllung, frisch gepresste Mango-Orange-Zuckerrohrsäfte…

Nur lange konnten wir es nicht aushalten: der Gestank der Motorrad -und Rikschafahrer war immens. Wir sind lieber zurück auf unsere Dachterrasse.

Von Udaipur nach Ranakpur

Ein letztes Frühstück auf der schönen Dachterrasse unseres Havelis, noch einmal leckeren Obstsalat genießen, ein letzter Blick auf die zwei Palastinseln dort unten, und weiter ging es nach Ranakpur.

Sobald wir aus Udaipur raus waren, wurde es ländlicher, ärmer. Vereinzelt waren schwer bepackte Männer in weißen Turbanen und in einem weißen, zur Hose gewickelten Tuch, einem Dhoti, auf der Straße. Es wurde bergiger, kurviger, enger. Vorbei an Familien, die nur eine Decke oder Plane als Unterlegmatte zum Schlafen, zum Leben hatten. Um elf kamen wir an dem Jain-Tempel, dem wohl beeindruckendsten ganz Indiens vorbei. Er sollte erst mittags für Touristen öffnen. Inmitten dieser abgeschiedenen, hügeligen Waldlandschaft tauchte plötzlich ein Touristen-Resort auf, mit Swimming-Pool, Liegestühlen, Spa-Bereich – nur: kein WiFi. Mist! Ausgerechnet heute hatten wir uns zum Skypen nach Hause verabredet! Wir waren die ersten Gäste. Man freute sich über unsere Ankunft.

Wir wollten zuerst das Sightseeing-Programm hinter uns bringen. Ajit fuhr uns zurück zum Jain-Tempel-Komplex aus dem 15. Jahrhundert. Es durften keine Schuhe, keine Ledersachen, kein Wasser, keine Bonbons mit hineingenommen werden – Taschen wurden durchsucht. Und Frauen, die gerade ihre Periode hatten, durften nicht hinein. Schwein gehabt! Aus dem Alter bin ich raus! Aber wie will man denn das bitteschön kontrollieren? Per Audio-Guide wurden uns die fünf Gebote des Jainismus erklärt: Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht Stehlen, Keuschheit, Besitzlosigkeit. Gandhis Mutter gehörte dieser Glaubensrichtung an. Dann betraten wir dieses einzigartige Bauwerk ganz aus Marmor.

Über fünfzig Jahre lang hatten 2500 Leute den Stein bearbeitet, 1444 Säulen mit filigransten Figurenornamenten versehen, und dann kamen die Moguln und haben zerstört und verwahrlosen lassen. Aber hier wurde inzwischen fleißig renoviert, geputzt, wieder aufgebaut.

Ziemlich am Anfang unseres Tempelrundgangs kamen wir zu einem Marmor-Elefanten, auf dem Marudevi reitet, die Mutter von Adinath, dem der Tempel geweiht ist. Sie hatte vor der Geburt ihres 14. Kindes einen Traum, dass dieser Sohn etwas ganz Besonderes werden würde. Recht hatte sie. Wenn man heute unter dem Elefanten hindurchkriecht, hätte man das Glück auf seiner Seite, hieß es. Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen!

 

 

Udaipur Tag 3

Heute war der Stadtpalastkomplex von Udaipur dran. Wir nahmen uns ‘nen Audio-Guide, so dass wir zusammen und mit Hintergrundinformationen berieselt durch die Paläste ziehen konnten. Und wieder gab es kunstvoll gestaltete Höfe, Gärten, Wohnbereiche, Gitterfenster, Bassins, Balkone, Säulengänge, Kacheln, Pfauen-Mosaike, Gemälde, Kostüme, Senften …  vom Beginn der Stadtgründung durch Udai Singh II. in der Mitte des 16. Jahrhunderts bis heute.

Einmal mehr wurde deutlich, wie hartnäckig die Mewaren – so nannten sich die Bewohner dieses Teils von Rajasthan – um ihre Eigenständigkeit gekämpft hatten, erst gegen die muslimischen Moguln, dann gegen die Marathen. Witzig war ein Gemälde, auf dem der Maharani auf seinem Schimmel gegen die Moguln ins Feld zog und Chittor, sein Pferd, zur Tarnung einen Elefantenrüssel trug. Die gegnerischen Elefanten griffen den Herrscher nicht an, weil sie ihn und sein Reittier als kleinen Elefanten wahrnahmen.

An eine üble Geschichte aus dem 19. Jahrhundert wurde erinnert. Der Maharani hatte sich missverständlich ausgedrückt und seine überaus schöne Tochter sowohl dem Prinzen von Jaipur als auch dem Prinzen von Jodhpur als Gemahlin in Aussicht gestellt. Beide zukünftigen Bräutigame trafen in freudiger Hochzeitserwartung mit ihrem Hofstaat ein. Um Krieg zu vermeiden, ließ der verzweifelte Vater seine Tochter vergiften. Dreimal überlebte die Arme den Anschlag. Erst nach einer Überdosis Opium sei sie nicht mehr aufgewacht. Die heiße Mittagszeit verbrachten wir in unserer schönen Suite. Da heute unser letzter Tag in Udaipur sein würde, hatten wir am gegenüber liegenden Ufer in einem einladenden Restaurant direkt am See einen Tisch zum Dinner bestellt. Auf dem Weg dorthin fing es plötzlich an zu regnen. Potzblitz, das hatten wir schon seit Nepal nicht mehr! Wir mussten uns unterstellen. Über eine Stunde schüttete es, Gewitter und Stromausfall inklusive. Immer wieder ging das Licht aus im schönen Udaipur auf der anderen Seite des Sees.

Wir kehrten irgendwann um und verbrachten den Rest des Abends lieber auf unserer Hotelterrasse. Wir aßen unser erstes nicht-vegetarisches Essen seit Wochen: Chicken Mughlai und Chicken Kaschmiri. Beides super lecker.

Udaipur Tag 2

Jaipur, die Hauptstadt Rajasthans, hat über drei Millionen Einwohner, Udaipur dagegen nur rund 500.000. Es liegt am romantischen Pichola-See. Ab elf Uhr öffneten allmählich die Geschäfte des Basars. Man musste nichts kaufen, konnte nur gucken. Für mich stand endlich mal ein Rock an. Dank Dieters fachkundiger Beratung hab ich den schönsten ganz Udaipurs erwischt. Wir haben uns einen Jain-Tempel angeschaut – irre kostbare Mosaike und Verkleidungen an den Wänden, an der Decke, ein rauschendes, glamouröses Glitzermeer. Im unweit davon liegenden Jagdish-Tempel von 1652 huldigten gläubige Hindus gerade der schwarzen Vishnu-Inkarnation Jagannath. Sie freuten sich, als ein Tempeldiener endlich den Vorhang zum frisch geputzten Heiligtum öffnete und sangen fröhliche Lieder. Fotografieren strengstens verboten.

Bis um fünf Uhr ruhten wir uns in unserer gemütlichen Suite aus. Dann wollten wir auf eine der zwei Inseln. Rein zufällig ergatterten wir das letzte Boot und erlebten eine idyllische Sonnenuntergangsfahrt zur Palastinsel Jag Mandir. Elefanten zierten die Anlegestelle, es ging durch einen symmetrisch angelegten, gepflegten Garten, in dem Palastgärtner nur darauf warteten, Touris fotografieren zu dürfen, um sich ein paar Rupien zusätzlich zu verdienen. Wir ließen uns in einem bewirtschafteten Hof nieder, wo wir unseren Cappuchino von Kellnern mit Turbanen erhielten. Ja, die Herrscher von damals haben es sich gut gehen lassen! Auf der anderen Insel, auf der die frühere Sommerresidenz Jagat Singhs aus dem frühen 17. Jahrhundert steht, das heutige Lake Palace Hotel, dürfen Besucher seit dem Bombenanschlag in Mumbai (2008) nicht mehr anlegen. Je dunkler es wurde, desto romantischer wurde es. Das stellten auch die zwei eleganten, älteren Damen, die uns gegenüber an ihrem gekühlten Weißwein nippten, in Endlosschleife und perfektem Oxford-Englisch fest: “Isn’t that beautiful…”.

Auf der Bootsrückfahrt waren wir in Gesellschaft einer singfreudigen Frauengruppe aus Mumbai. Eine Jüngere, sehr Hübsche, sprach mich an: “You look so beautiful!” Tja, was so ein neuer Rock alles bewirkt! Geschmeichelt antwortete ich: “Thank you, you too!” Daraufhin machte sie einen völlig überraschten Eindruck. Als wir später an ihrem Bus vorbeiliefen, saß sie am Fenster, und wir winkten einander vertraulich zu. Abends zweites Candle-Light-Dinner auf ‘ner Roof-Top-Terrasse: unwirklich, bezaubernd, schön!