Saint Siméon Tag 2

3.8.2017 Saint Siméon Tag 2
Heute mal weder Tee noch Kaffee zum Frühstück – es gibt keinen Wasserkocher im Motel – und das typisch labberige Toastbrot mit Käse und Kochschinken haben wir uns am ungedeckten Tisch einverleibt, ohne Zuhilfenahme von Teller und Besteck. Marcels Campingutensilien und ein Taschenmesser sind unser einziges Werkzeug. Das absolute Kontraprogramm zu Ken. 2017-08-03_kanada-25Geht auch, sind ja nur drei Nächte. Um neun Uhr machen wir uns auf in den Fjord-Saguenay-Nationalpark, etwa eine Stunde Fahrt von hier, auf einer gut ausgebauten Straße, rechts und links Wälder und Seen, die ersten Schilder, die vor Elchen warnen. In Rivière Eternité fahren wir von der Hauptstraße rechts ab, zücken unsere vorher georderten Nationalparkausweise, halten sie der Frau im Häuschen stolz entgegen – in diesem Jahr soll der Eintritt in die Nationalparks nämlich frei sein, weil Kanada 150 Jahre besteht – und: werden enttäuscht. Dieser Park gehöre “malheureusement” nicht zu den begünstigten. Wäre ja auch zu schön gewesen! Natürlich bezahlen wir brav und fahren vor bis zum Parkplatz. Eine Gruppe junger Leute begibt sich gerade mit ihrem Guide auf eine waghalsige Klettertour mit Überquerung einer schmalen Hängebrücke, 100 Meter Abgrund darunter. Wir haben die Bilder im Prospekt gesehen. Wir entscheiden uns für den leichteren Wanderweg zum Cap Trinité. Es geht gleich nach oben, über Steinstufen, Bretter, Holztreppen, immer aufwärts. Marcel ist schnell nicht mehr zu sehen. Dieter läuft auch oft außerhalb meiner Sichtweite, aber er wartet zum Glück an den Aussichtspunkten auf mich. Ich kann die Seele baumeln lassen, Frieden einatmen, Liebe ausatmen, wie Dieter Bednarz es in seinem jüngsten Buch “Schwer erleuchtet” so schön beschrieben hat. Die Bäume um mich herum und der Fjord dort unten strahlen eine erhabene Ruhe aus – Kanada Teil zwei hat begonnen. Nach etwa zwei Stunden, so gegen halb eins, haben wir das Ziel dieses Weges erreicht: die weiße Statue mit goldener Dornenkrone auf dem Kopf, Notre-Dame de Saguenay, die 1881 ein gewisser Charles-Napoléon Robitaille errichten ließ, nachdem er hier vor dem Ertrinken gerettet worden war.

Auf dem Rückweg sehen wir ganz weit unten im Fjord etwas Silbrig-Weißes mal hier, mal dort aus dem Wasser springen. Das müssen wohl Beluga-Wale sein. Die sollen sich das ganze Jahr über hier im Fjord tummeln. Es sieht fröhlich, übermütig aus, es macht Spaß, ihnen – wenn auch nur durchs Fernglas – zuzuschauen. Nach vier Stunden Wandern treffen wir uns alle wieder. Marcel geht tatsächlich noch im Fjord baden. Eiskalt soll es sein. Dieter und ich verzichten lieber. Da es noch früh am Tag ist, beschließen wir, uns noch das Touristenörtchen Tadoussac auf der anderen Seite des Fjords anzuschauen. Wir müssen anderthalb Stunden nach Baie Saint Cathérine fahren und lassen uns von dort mit der Fähre übersetzen. Sie ist kostenfrei und die Überfahrt dauert gerade mal 10 Minuten. Tadoussac ist ein hübsches Örtchen mit vielen weißen Holzhäusern und roten Dächern, die von der Sonne beschienen einen starken Kontrast zum Blau des Himmels und des Wassers ergeben und einen heiter stimmen. Wir kommen an einem Hotel aus dem 19. Jahrhundert vorbei, das auf grüner Wiese mit weißen Stühlen zum Sitzen und Verweilen einlädt und schauen auf eine kleine ebenfalls in rot-weiß gehaltene Kirche, die Chapelle de Tadoussac. Sie entpuppt sich als die älteste Holzkirche Kanadas, die bereits 1747 erbaut wurde, und die auch von innen durch ihre Holzverkleidung ein geradezu gemütliches und beschützendes Ambiente bietet. Auch die neue Kirche wirkt mit moderner Architektur wohldurchdacht integriert in das rot-weiße Ensemble der sie umgebenden historischen Gebäude.

Wir essen gegen halb fünf im “Tomahawk” das, was hier überall angeboten wird: Pizza, Nachos oder Croques, genießen den Blick über den Hafen und werden von der Schweizer Bedienung endlich darüber aufgeklärt, wie es sich hier mit dem Trinkgeld verhält: wenn ein Gast nur acht Prozent oder weniger gibt, müssen die Angestellten draufzahlen, es wird ihnen vom Lohn abgezogen! Was für eine perverse Sitte! Wir haben uns schon des Öfteren gewundert, dass man bei Kreditkartenzahlung aufgefordert wurde, sich zwischen 10, 14 oder 18 Prozent Trinkgeldzahlung zu entscheiden, aber dass sonst gar nichts bei der Bedienung bleibt, ist ja wohl  der Hammer!

Ein Gedanke zu “Saint Siméon Tag 2

  1. Toll, dass ihr Belugawale gesehen habt! Wundert mich aber, dass du nicht ins Wasser gegangen bist. Du bist doch sonst bei jeder Jahreszeit immer die Erste ;-)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.