Ashram Beginners

Sunil vom Hill Resort hatte uns netter Weise ein Taxi bestellt, und Myriel aus Belgien, die wir noch dort kennengelernt hatten, kam auch gleich mit. Wir kamen gegen 16 Uhr im Sivananda Yoga Vedanta Dhanvantari Ashram an.


Dort hieß es erst einmal: Anstehen. Da war vielleicht ein Betrieb! So viele Leute um uns herum aus aller Herren und Frauen Länder, das hatten wir gar nicht erwartet. Nach ‘ner gefühlten Stunde hatten wir endlich die Eincheck- Formalitäten erledigt und wurden zu unserem Zimmer geführt: Super! Mindestens 20 Quadratmeter! Zwei Betten, angeschlossenes Badezimmer, Klimaanlage, Propeller, Kühlschrank, Wasserkocher…soviel Luxus wäre wirklich nicht nötig gewesen! Aber schön war es doch! Das Zimmer sollten wir zunächst für eine Woche bewohnen können, dann müsste man weitersehen. Wunderbar, wir konnten uns ausbreiten. Nachdem wir unsere Betten bezogen hatten, machten wir uns ans Erforschen des Terrains. Hinter unserem Wohnhaus gab es eine “Health Hut”, eine Kneipe ohne Alkohol, mit langen Tischen, Bänken und einem Dach aus Kokosnusssblättern. Auf der Tafel stand geschrieben, dass es hier Obstsalate und Fruchtsäfte zu kaufen gebe. Da würden wir uns sicher gern mal aufhalten. Was für eine riesige Anlage das war!

Hinter uns die günstigeren Unterkünfte und Schlafsäle, den Weg zurück weiter unten zwei große, zu den Seiten offene Hallen übereinander. In einer machten gerade an die fünfzig Leute Yoga. Alles total diszipliniert, die Anleitungen erfolgten über Head-Sets und mindestens zwei Assistenten waren zum Korrigieren dabei. Dann links ein Laden und eine kleine Halle mit Trinkwasser. Davor ein mit Steinbänken versehener, schattiger Versammlungsplatz. Den Weg runter ein weiteres Gebäude: unten wohl die Küche, oben eine große, an den Seiten mit großen Fenstern versehene Esshalle. Daneben die Unterkünfte für die Mitarbeiter und überall dazwischen Palmen, Bananenbäume, Sträucher mit bunten Blüten, Rasenflächen, ein gepflegter Garten, mal ein Ganesha in einer rosa Lotusblüte, mal eine andere Götterstatue. Über der Esshalle ein Rooftop mit weiter Aussicht über die hügelige Landschaft Keralas! Mein Gott, war das schön! Auf der anderen Seite der zwei großen Yoga-Hallen die Rezeption, und durch das Eingangstor blickte man auf einen grün schimmernden See. Weiter links hoch ein Tempel. Dieter wollte sich gleich mal um Massagen kümmern, damit er nach exzessiven Yoga-Asanas ‘was zum Relaxen hätte, auf das er sich freuen könnte. Verständlich! Nach einigem Suchen fanden wir das angeschlossene Sivananda Health Institute, ließen uns Massagetermine geben, dann zurück zur Rezeption und wieder Anstellen zum Bezahlen. Das war geschafft! Wir brauchten noch Yogamatten. Wir erfuhren, dass man sich eine Geldkarte für bargeldlosen Zahlungsverkehr besorgen müsste, ohne die könnten wir nicht mal Klopapier kaufen. Zum dritten Mal an der Schlange vor der Rezeption anstellen und bloß nicht als ungeduldig auffallen – das wäre wirklich nicht gut fürs Karma. Eine Frau stand vor mir, die sich erdreistete, ihre Check-in-Formulare direkt am Schalter auszufüllen anstatt sich, wie alle anderen, dazu an die bereitstehenden Tische zu setzen. Als der Rezeptionsherr mich anblickte, um mein Anliegen vorzuziehen, meinte die Egoistin glatt, dass sie aber jetzt an der Reihe sei, und ich halt warten müsse. Die Frau, von der ich später erfuhr, dass sie aus Italien stammte, speicherte ich sofort als hektisch und unsympathisch ab, mit ihr würde ich sicher keinen näheren Umgang pflegen. Dieter und ich fühlten uns noch recht orientierungslos und leicht angestrengt in diesem ganzen Gewirr. Wir wollten uns gerade etwas genauer mit dem uns bevorstehenden Tagesablauf befassen, als eine große Glocke geläutet wurde: Essen fassen! Das war echt irre: Fast 200 Leute bewegten sich mit der größten Selbstverständlichkeit auf die große Essenshalle zu. Zu Hare-Krishna-Gesängen – ein Vorsänger sang in ein Mikro, die meisten wiederholten die ihnen bekannten Zeilen – wusch sich jede/r die Hände und nahm auf Bastmatten auf dem Boden vor einem mit Reis, Curry, Gemüse und Salat gefüllten Blechteller und einem Becher Kräutertee Platz.

Durch die Fenster sah man die Sonne gerade rot leuchtend über dem Dschungel von Kerala untergehen. An den Wänden waren große Mandalas und Porträts der beiden Swamis Sivananda und Vishnu-Devananda aufgehängt. Letzterer war ein Schüler des namensgebenden Yoga-Gründers Sivananda, brachte diese Yoga-Richtung in den Westen, und ein erster Ashram entstand in Quebec/Kanada. 1978 wurde dann dieser vielleicht schönste und größte Ashram in Kerala von ihm gegründet. Beide Gurus stammten aus dieser Gegend. Nach dem “Hare Rama, Hare Krishna”-Lied wurde über Mikro ein Gebet gesprochen. Die meisten murmelten die uns unverständlichen Sanskritworte mit. Zum Schluss hieß es: “Enjoy your meal and keep silent!”. Alle saßen mit gekreuzten Beinen hinter ihrem Teller, und das große Mampfen fing an. Wie es in Indien üblich ist, wurde mit den Fingern der rechten Hand gegessen. Puh, war das anstrengend! Dauernd mussten wir unsere Sitzhaltung verändern und dabei den Teller in der Hand balancieren oder, wenn er am Boden stand, aufpassen, dass wir nicht aus Versehen mit dem Fuß hineingerieten oder den Becher umstießen.

Ich hatte heimlich gehofft, dass ich durch mein regelmäßiges Pilatestraining und meine langjährige doch leider immer wieder unterbrochene Yoga-Praxis gelenkig genug sein würde für das Sitzen mit gekreuzten Beinen! War nicht! Für Dieter musste es noch schlimmer sein! Hoffentlich würde er nicht gleich am ersten Abend bereuen, sich mir zu Liebe auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben! Den vielen Anderen hier schien die Sitzhaltung überhaupt nichts auszumachen, Manno! Noch während dieses ersten Dinners entdeckten wir einige, die mit Löffeln aßen. Gab es also, würden wir uns auch organisieren. Und beim neidisch-verstohlenen Beobachten der vielen so relaxten Leute um uns herum, bemerkten wir: Doch, da gab es auch ein paar Wenige, die hin und wieder ihre Sitzposition veränderten, und anscheinend ähnlich verzweifelt wie wir ihre Beine verrückten. Na Krischna und Rama sei Dank! Ich hätte mich ja so gern in die Sitzposition unserer beiden Kameltreiber aus Jaisalmer begeben, aber auch die für die meisten Inder so bequeme Hocke hätte ich ja kaum zwei Minuten lang ausgehalten. Die meisten Essensteilnehmer trugen ein T-Shirt mit der Aufschrift “Teachers Training Course”. Es waren lauter junge Leute aus aller Welt, die meisten so zwischen 18 und 40 Jahre alt. Sie absolvierten hier eine vierwöchige Yoga-Lehrer-Ausbildung. Der Rest waren wohl Leute wie wir, Yoga-Urlauber. Es gab so vier, fünf Ältere, auch älter als wir, aber auch das Gros der Urlauber war jünger, so zwischen 25 und 45. Während des Abendessens liefen drei bis vier Leute mit Eimern durch die Reihen und teilten Nachschläge aus, soviel und sooft man wollte. War man fertig, stand man auf, spülte Teller und Becher im Abwaschbereich, und fertig. Ein gut durchorganisiertes, funktionierendes Ritual, das auch mit 200 Leuten ruhig und manierlich ablief. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig zu den Öffnungszeiten in die Ashram-Boutique, um mit unserer neuen Zahlkarte zwei Yogamatten und das notwendige Klopapier zu erstehen. Die Frau, die für den Verkauf im Laden verantwortlich war, sie kam aus Kolumbien, schien mir reichlich bummelig und langsam zu sein. Alle wollten etwas von ihr, sie schien mit ihren überdies nur dürftigen Englischkenntnissen überfordert zu sein. Oder war ich zu ungeduldig? Auch hier bildete sich schnell wieder eine lange Schlange an der Kasse, man musste warten. Endlich hatten wir unsere Yogamatten und das Klopapier und konnten uns in unser angenehm klimatisiertes Zimmer zurückziehen. Wir streckten uns satt und gespannt auf den nächsten Tag auf unseren Betten aus. Warum eigentlich nicht mal früh schlafen gehen? Morgen würden wir eh um 5:20 Uhr geweckt werden. Und die vielen Leute um uns herum und die vielen neuen Eindrücke wollten verdaut werden. Wir waren gerade am Ausziehen, da wurde zum zweiten Mal die Glocke geläutet. Ich fragte eine Nachbarin – sie war ausnahmsweise mal mindestens zehn Jahre älter als wir – was das denn zu bedeuten habe: Für alle verpflichtende Abendmeditation und Singsang seien angesagt. Das hatten wir glatt übersehen. Schnell wieder rein in die Klamotten, es war warm und dunkel draußen, ein leichter Wind wehte, und ab in die große, offene “Shiva-Halle”, wo vorhin Yoga praktiziert worden war. Aus Lautsprechern tönte uns ein monotones “Ohom” entgegen, es brannte Kerzenlicht. Wieder waren in Reihen Bastmatten auf dem Fußboden ausgerollt, an die 20 Leute saßen schon in Meditationshaltung, also wieder in diesem unbequemen Schneidersitz, da. Vorn ein großer Altar. In der Mitte tanzte, leicht angestrahlt, ein goldener Shiva in einem goldenen Rad. Links und rechts davon zwei weitere Götterstatuen und weiter zu uns hin – ebenfalls gedämpft beleuchtet – Porträts und Statuen der beiden Swamis Sivananda und Vishnu-Devananda in Meditationspose. Das sah schummerig beeindruckend aus, sehr heilig, auf jeden Fall einladend zum Meditieren. Wir setzten uns so etwa in die fünfte Reihe. Irgendwann nahmen oben auf, bzw. vor der Bühne drei Leute Platz: eine, hagere, in weiße Tücher gehüllte Frau, mit streng nach hinten gescheiteltem Haar, zwischen dreißig und fünfzig, ein charismatischer, Yoga-trainierter junger Mann – vielleicht ein angehender Swami – und ein grauhaariger Herr mittleren Alters mit auffällig markantem Kinn. Letzterer sang ein wohlklingendes “Om” ins Mikro und begann mit der Anleitung zur Meditation.

Wir gaben unser Bestes. Aber klar, da klappte noch gar nichts. Es zog noch dazu durch die Torbögen der offenen Halle. Ich musste mir mein Tuch fester über die Schultern ziehen und versuchte, mich zu konzentrieren. Oh, Manno, meine Beine! Dieter saß ganz ruhig da. Potzblitz! Wie macht er das denn? Alle Achtung! Und dann entdeckte ich auch noch die Italienerin zwei Reihen vor mir. Lieber schnell wieder die Augen schließen und atmen. Ok, irgendwann war es zu Ende. Wieder ließ der Grauhaarige zwei bis fünf “Oms” erschallen, alle stimmten ein, und die Weiß-Betuchte begann zu singen und auf einer Art elektronischen Zither, die sie auf dem Schoß hielt, zu spielen. Sie wurde Dieter und mir trotz ihrer einigermaßen passablen Stimme nicht sympathischer, wir speicherten sie schnell unter der Rubrik jungfräulich frustrierte Lehrerin alter englischer Schule ab. Dennoch, der Chor der Anwesenden stimmte in ihre Sanskritgesänge ein, es wurde immer wilder, es wurde getrommelt und gerasselt und gesungen, als wäre Weihnachten und Silvester zusammen. Die Energie von an die zweihundert jungen Leuten kumulierte, es kam Stimmung auf. In den Liedern wurde Frieden für alle gewünscht, sämtliche Hindugötter wurden geehrt und gelobpreist, aber auch Jesus und Mohammed und Buddha und Moses und natürlich die beiden Swamis Sivananda und Vishnu-Devananda. Dazu schwenkte jemand vor den Götter- oder Gurustatuen auf dem Altar ehrfürchtig ein Feuer. Es störte niemanden, wenn ein Hund oder zwei Katzen durch die Reihen huschten, sich irgendwo niederließen und auf ihre Art an der Zeremonie teilnahmen. Am Ende dieses Satsangs, wie sich die Veranstaltung nannte, nuschelte die Frau in Weiß noch irgendwelche Ankündigungen für den nächsten Tag ins Mikro, die wir leider nicht vollständig verstanden. Um halb zehn war Schluss. Jeder bekam noch eine kleine Süßigkeit, dann war Schlafenszeit. Wir konnten ins Bett, endlich!

 

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Auf in den Ashram

Auch in Neyyar Dam scheint wieder die Sonne, und man höre und staune: Wir haben heute Morgen religiösen Gesang und Glocken läuten hören. Sunil meinte, das schalle von der unten im Dorf gelegenen Kirche zu uns herauf. Hier in Südindien gibt es anscheinend mehrere, größere und ihren Glauben zelebrierende christliche Gemeinden. Als geborene Christen aber ansonsten atheistisch Gläubige wünschen wir allen unseren offenen und heimlichen Reisebegleitern eine angenehme Adventszeit.

 

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Neyyar Dam im Hill Resort

Heute Morgen war es immer noch feucht, aber der Regen hatte aufgehört. Um uns herum nur Vogelgezwitscher, Grillenzirpen und ein Rauschen vom gegenüberliegenden Wasserfall mit Stausee. Es gab zwei Pfannkuchen zum Frühstück, lecker! Wir haben den ganzen Tag damit zugebracht, auf der Terrasse unserer niedlichen, kleinen Hütte Fotos in unseren Blog zu laden. Um 13 Uhr eine Lunchpause – supergeiles Gemüsecurry -, kurzer Mittagsschlaf, dann eine indische Ganzkörpermassage. Tat ja so gut! Es fing wieder an, in Strömen zu gießen. Es sind dabei natürlich trotzdem immer noch mindestens 28 Grad, also bloß kein Mitleid ;-) Wir dürften dann heute Abend mit unseren Fotos up-to-date sein. Morgen geht es für elf Tage in einen Ashram zum Full-Time-Yoga. Dann melden wir uns wieder.

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Von Mumbai nach Neyyar Dam

Um neun Uhr stand das Taxi bereit für die Fahrt zum Domestic Airport. Um zehn Uhr waren wir dort und erfuhren, dass unser Flug nach Trivandrum zwar nicht gecancelt aber auf 17 Uhr abends verschoben worden war, man hätte uns ja schon Anfang November benachrichtigt. Miste! Das hatten wir übersehen. Jetzt hieß es also sieben Stunden im Flughafen warten. Zeit, unsere Mumbai-Erlebnisse zu verarbeiten und aufzuschreiben. Gegen 17:30 Uhr hoben wir endlich ab, und zwei Stunden später kamen wir heil, jedoch ärgerlicher Weise im Dunkeln, in Trivandrum an. Wir organisierten uns sofort ein Prepaid-Taxi und weiter ging’s durch lebhafte, südindische Dörfer. Was wir sahen, machte einen eher sauberen Eindruck – die Luft war extrem feucht, es hatte den ganzen Tag geregnet. Irgendwann klingelte Dieters Telefon. Es war der Hotelier, dem ich noch in Mumbai unsere verspätete Ankunft mitgeteilt hatte. Er erklärte dem Taxifahrer, wo er uns rauslassen könne. Er würde uns dann mit einem Jeep abholen lassen, da die Straße zu seinem Resort für normale Autos nicht befahrbar sei. Auch das noch! Wir fanden zum Glück gerade noch rechtzeitig einen ATM-Automaten für Bargeld, und Dieter konnte auch sein Handy-Guthaben auffüllen. Dann kam der Jeep, und es ging einen abenteuerlich schmalen Weg durch Pfützen und Schlaglöcher entlang – dass es am Rand steil bergab ging, konnte ich zum Glück nicht sehen – und endlich um halb zehn erreichten wir unser Hill Resort auf 1000 Metern Höhe. Sunil und seine Angestellten nahmen uns freudig in Empfang, zeigten uns die Hütte, wo wir zwei Nächte unterkommen sollten und bereiteten uns trotz der schon fortgeschrittenen Tageszeit ein herrliches Gemüsecurry mit Chapati. Mücken soll es hier trotz des für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Regens kaum geben.

Mumbai Tag 5

Nachdem klar war, dass es mit einer Sightseeing-Tour durch Bollywood-Studios nichts werden würde – wir haben es mit der Online-Bezahlung nicht hinbekommen und im Nachhinein waren wir auch gar nicht traurig drum – hatten wir Zeit, noch einmal zum Nariman Point zu schlendern, wo der “Happy Ending”- Film so kitschig-schön endete. Und wir hatten Zeit, durch so manches teure Einkaufszentrum zu bummeln, das wir beim ersten Spaziergang durch das Viertel hinter schlichten Betonfassaden nicht vermutet und daher glatt übersehen hatten. Es war noch früh am Morgen, man kam nach dem Routine-Sicherheitscheck zwar schon hinein, aber die meisten Geschäfte waren noch geschlossen. Das gab es also auch in Mumbai: mehrstöckige Einkaufszentren mit den feinsten Shops, alle hinter Glas sorgfältig gesichert, wie in Hamburgs Europa-Passage. Die ersten Geschäftsleute öffneten, versuchten uns hineinzulocken: “Good morning Madam, good morning Sir, have a look! Nice shawls!” Klar, hier gab es auch einen Friseur, der mit Sicherheit einen europäischen Haarschnitt für mich hinbekommen hätte, zu einem europäischen Preis, versteht sich, aber das brauchte ich ja nicht mehr. Mein Gott, was waren das für Extreme in dieser Stadt! Auf der einen Seite die vielen Bettler,  jungen Mütter mit ihren Kleinkindern, Schuhputzer und kleinen Händlersgehilfen, die jede Nacht auf den Straßen schliefen, auf der anderen Seite diese Luxuspaläste zum Shoppen. Und dieses Einkaufszentrum hier war noch nicht mal eines für die Superreichen, wie es sie unten beim Nariman Point gab. Dieses hier war wohl eher für Leute wie uns gedacht.

Ein Sightseeing-Highlight stand noch aus: die National Gallery of Modern Art. Hier gab es gerade eine wirklich überwältigend faszinierende Ausstellung zum Thema Akustik: Töne, Musik, Heilung, Instrumente, Weiblichkeit, Göttinnen – mit allem wurde experimentiert und man wurde eingeladen, selbst Hand anzulegen. Es machte total Spaß, mit den Ausstellungsstücken Töne zu erzeugen, eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, Lingams zu berühren und dadurch eine Melodie hervorzurufen oder eine indische Göttin einen Dämon besiegen zu sehen, in diesem Fall in Gestalt eines brennenden Mannes. War das die weibliche Rache an den Witwenverbrennungen der Vorzeit? Auch indische Schulklassen waren unterwegs und brachten die Galerie zum Klingen. So manchem Besucher mochte der Geräuschpegel zwar eher als chaotischer Lärm in den Ohren gedröhnt haben, aber sobald man selbst mitmischte, siegte einfach das Vergnügen.

Danach gingen wir in einen Musikladen und deckten uns mit indischen CDs ein, um später auch eine musikalische Erinnerung an unsere Reise zu haben. Auf dem Weg zum Lunchlokal machten wir den unausweichlichen Abstecher zu unserer Lieblings-Saftbar und schlürften einen Ganga-Yamuna, einen Orangen-Mandarinen-Mix, frisch gepresst, einfach nicht zu toppen. Auf den Bombay Duck, ein Eidechsen-Fisch-Gericht in dem auf parsisches Essen spezialisierten Restaurant bei uns um die Ecke mussten wir leider verzichten, war “out”, wir waren zu spät. Nach einer ausgiebigen Mittagsruhe im Hotelzimmer machten wir uns auf zu unserem Sunset-Mumbai-Abschiedsdinner, auf die Rooftop-Terrasse des InterConti. Um kurz vor sechs leuchtete die Sonne dunkelrot am Horizont, wir hatten den allerbesten Blick auf die Skyline von Mumbai und bekamen die besten Plätze mit Aussicht. Es war ein stinknormaler Donnerstag Abend, daher kein Gedrängel in Mumbais angesagtester Poolbar. Am Nachbartisch feierte ein Inder mit Freunden und amerikanischen Frauen Geburtstag. Der Alkohol floss als wäre es Wasser, die Leute, besonders die Frauen, waren schon nach kurzer Zeit betrunken, wurden peinlich laut und entblößten in breitestem amerikanischen Slang Intimes aus ihrem Privatleben, das niemanden interessierte. Wir genossen trotzdem unseren letzten Abend hoch über dem Marine Drive von Mumbai. Wir bestellten einen Sunset-Downer-Cocktail, ‘ne Sangria, Sodas und einen Ziegenkäse-Spinat-Pfannkuchen. Das passte. Ein letzter Abstecher zu unserer Saftbar und dann:Tschüß, Mumbai, du aufstrebende, moderne indische Stadt der großen Extreme! Vergiss nur deine Armen nicht! Morgen würde es für uns weitergehen, nach Südindien.

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