Buenos Aires Tag 5

Jetzt geht plötzlich wieder alles so schnell! Heute war schon unser vorletzter Tag in der Sprachschule und unser letzter Tangokurs-Tag. Wir hatten uns mit Jeff und Diane beim Edificio Barolo verabredet. Kurz nachdem wir dort angekommen waren, gab es einen enormen Knall, so dass wir schon befürchteten, ausgerechnet heute breche der zwischen 1919 und 1923 errichtete 22-stöckige Prachtbau zusammen. Alle Blicke richteten sich auf einen der fünf eisenvergitterten Fahrstuhlschächte. Da war doch nicht etwa einer dieser altehrwürdigen, kolonialen Fahrstühle heruntergekracht? Wir hielten gerade erwartungsvoll unsere Tickets für eine geführte Tour nach oben in den Händen. Das Sicherheitspersonal schaute hilflos drein, war ständig am Telefonieren, jemand rannte eiligst Treppen runter, immer wieder wurde durch die Gitter geguckt – wir Touris sollten natürlich nicht. Gott sei Dank schienen keine Menschen zu Schaden gekommen zu sein. Nach einer Weile wurde ein Schild angebracht: No funciona. Nach etwa einer halben Stunde Ratlosigkeit kam unser Guide, Tomás. Ein junger Mann mit Hut, einem weißen Hemd und  Hosenträgern – er hätte sich als Conferencier jeder Straßentheatervorführung geeignet. Er erzählte etwas davon, dass der italienische Architekt dieses Gebäudes, Mario Palanti, sich bei seinem Werk von Dantes Inferno hätte inspirieren lassen. Wir stünden gerade ganz unten im Foyer, in der Hölle. Soeben war der Fahrstuhl an uns vorbei durchs Fegefeuer gerauscht. Davon wusste Tomás nichts. Da sah ich sie: die Drachen an den Wänden und dazwischen die bronzenen Höllenfunken. Sollten wir es wagen, als wäre nichts gewesen, auf die gebuchte Palacio Barolo Tour zu gehen und in einem der anderen Fahrstühle nach oben, o je, ins Paradies zu fahren?

Ich fühle mich noch zu jung fürs Paradies! Sollten wir lieber vierzehn Stockwerke durchs Fegefeuer hochsteigen oder gleich ganz verzichten? Tomás erzählte, dass er die Touren schon länger mache und die Fahrstühle sicher seien. Solche Sprüche kennen wir doch! Wir stiegen ein. Es ging nach oben. Es fing an zu rumpeln, oh nein, bitte nicht! Der Fahrstuhl hielt an. Zwischenstopp im siebten Stock. Man konnte wunderbar vom Fegefeuer in die Hölle blicken. Wieder ein paar Dämonen an den Wänden. Tomás sprach so schnell spanisches Englisch, dass ich kaum etwas verstand. Na gut, der Weg zur Hölle ist jedenfalls lang. Wir stiegen wieder ein. Weitere sieben Stockwerke nach oben. Oh mein Gott, wieder  Rumpelgeräusche – ja, der Fahrstuhl ist wunderschön, so alt, so kunstvoll verschnörkelt. Aussteigen. Nun ging es zu Fuß weiter. Noch einmal sechs Stockwerke. Tomás scherzte: “Was liegt über dem Paradies? Haha! Die VIP-Lounge natürlich”. Einigen aus der Gruppe reichte schon hier der Panoramablick auf Buenos Aires, wo man rundherum Türen zu kleinen Balkonen öffnen und sich dann über die Brüstung beugen konnte, oder auch nicht. Nicht schlecht! Aber wenn schon, denn schon! Wir wollten in die VIP-Lounge. Nichts für korpulentere Leute. Eine schmale Wendeltreppe aus Stein führte weiter hoch, dauernd musste man seinen Kopf einziehen. Und dann waren wir da. In einer engen, kleinen Glaskuppel mit elektrischem Leuchtfeuer, dessen Licht nachts über einen konkaven Spiegel verstärkt bis Montevideo strahlt. Licht, hoch oben über Buenos Aires. Tomás meinte, man dürfe sich nicht auf das Glasfenster setzen, sondern nur auf die mit Plastik überzogenen, höchstens fünfzehn Zentimeter im Durchmesser breiten Kissenrollen. Auf Dauer ganz schön unbequem hier oben im VIP-Paradies. Und weit da unten der Río Plato im Sonnenschein, die Casa Rosada, der Obelisk, unsere Sprachschule, die Tangobars, die Plaza de Mayo, tosendes Leben…Da unten liegt das Paradies, da wollte ich schnellstmöglich wieder hin!

Treppen runter – der eine Fahrstuhl war immer noch kaputt – rein in den anderen, es ging angenehm langsam, wir standen wieder im Foyer. Ente ist die Hölle schön! Tomás verabschiedete sich artig mit Handschlag von jedem einzeln – si claro, Trinkgeld gibt’s weder im Paradies noch in der Hölle gratis. Dann standen wir wieder auf der Avenida de Mayo und fanden einstimmig, dass die Barolo Tours zu teuer waren – etwa 18 Euro pro Person. Wir gingen mit Jeff und Diane noch in das nette Café, wo wir schon vor zwei Tagen waren und unterhielten uns gut gelaunt darüber, was wir schon für paradiesische Reisen in traumhaft schöne Länder auf dieser Erde  unternommen hatten.

Dann war unsere letzte Tangostunde. Leider wollte sich der Fortschritt heute nicht so recht einstellen. Vielleicht lag es daran, dass ich mir eine teuflische Erkältung eingefangen hatte, vielleicht lag es an unserem Ausflug ins falsche Paradies – so richtig klappte die Kommunikation zwischen Dieter und mir und der Musik und Gíselle heute nicht. Und trotzdem: Gíselle war bezaubernd. Durch sie haben wir eine Idee davon bekommen, wie paradiesisch es sein muss, sich spielerisch und leicht, kommunikativ stimmig und leidenschaftlich harmonisch zu Tangomusik übers Parkett zu wiegen. Wir kehrten noch einmal in der Molly Mallone’s Bar vor unserem Hotel für einen Mojito ein, wieder hielt gegenüber derselbe Laster, der immer zur gleichen Zeit das Eis für die umliegenden Bars liefert, wieder lief die Tangoshow.

Morgen, nach dieser buena noche, werden wir Examen machen.