Buenos Aires Tag 9 und Flug nach San Carlos de Bariloche. Bariloche Tag 1

Wir mussten erst um 14 Uhr am Flughafen sein. Deshalb haben wir uns doch noch den Caminito in La Boca, die nur 100 Meter lange “Must-Have-Seen”-Touristenstraße von Buenos Aires angeschaut, wo die ganzen Postkartenfotos entstehen. Auf dem Balkon oben stand diesmal als berühmte argentinische Persönlichkeit aus Pappmaché: der Papst. Zum Glück waren wir schon morgens da, die Geschäfte begannen gerade erst zu öffnen. Es hat sich nicht gelohnt. Das Geld wurde einem nur so aus der Tasche gezogen. Sobald man sich für einen Kaffee in ein Restaurant setzte, erschien – wie auf Knopfdruck – ein Tanzpaar, stellte Musik an, und begann, Tango zu tanzen. Danach, na klar, sollte man blechen. Der frisch gepresste Orangensaft kostete hier dreimal soviel wie am Paseo de la Gloria vor dem Naturschutzgebiet. Aber schön war, dass wir den Schweizer André aus der Sprachschule noch einmal trafen. Er machte an diesem Feiertag eine Vormittags-Fahrradtour durch B. A., und da durfte La Boca natürlich nicht fehlen.

Dann fuhren wir zum Hotel zurück und ließen uns zum Flughafen bringen. Der private Fahrer sprach kein einziges Wort mit uns. Er war in feinstem Zwirn gekleidet, und wir, mit unserem Backpacker-Image, waren wohl absolut unter seinem Niveau. Adiós Buenos Aires!

Wir starteten pünktlich und kamen entsprechend gegen 18 Uhr in San Carlos de Bariloche an. Die Sonne schien, die Luft war total klar, und es war heiß. Wir sind jetzt immerhin südlicher als Südafrika, und es ist Spätsommer hier. Wir holten unser Mietauto am Flughafen ab – ein oller Chevrolet mit vielen Schrammen und Ratschern, ohne Klimaanlage, wie wir leider erst später merkten – aber der Motor und die Bremsen funktionierten und unser Gepäck passte auch rein.

Und los ging es, zu unserer ersten Unterkunft. Es wurde schnell voll auf den Straßen, Hochsaison halt. Und da tauchte der Lago Nahuel Huapi vor uns auf, tiefblau, atemberaubend, umgeben von den in der Sonne leuchtenden Anden. Maravillosa! Wau! Das war ja nun wieder etwas völlig anderes als noch gerade zuvor Buenos Aires! Bariloche hat etwa 130000 Einwohner und ist ein beliebter Wintersportort. Doch auch während der jetzigen Sommerferien ist die Stadt voll von Touristen und erinnert an die sommerliche Hochsaison an Boden- oder Gardasee. Unsere Unterkunft ist diesmal quasi eine Jugendherberge, in der wir zwar das beste Zimmer mit Doppelbett, einem großen Einbauschrank und einer Superaussicht auf den See bekommen haben, und dennoch gibt es nur ein Gemeinschaftsbad. Alles andere war uns mit über 100 Euro die Nacht schlicht zu teuer. Wir haben uns gleich noch ein bisschen umgeschaut, sind runter zum See. Der Strand war nicht umwerfend, schmal und steinig. Das große Haus direkt am Seeufer mit riesigen Panoramafenstern entpuppte sich als eine überdachte, gut besuchte Eislaufhalle mit angeschlossener Gastronomie. Wir haben lieber das uns in der Jugendherberge empfohlene Esslokal aufgesucht.

Nach 15 Minuten Wartezeit wurde uns schließlich ein Tisch zugewiesen. Es hatte sich gelohnt: Inmitten von gutgelaunten, meist wohl argentinischen, chilenischen oder brasilianischen Urlaubern, vielleicht auch ein paar Einheimischen, viele mit kleinen Kindern, gab es richtig leckere Pizza. Auf dem Nachhauseweg waren es höchstens 15 Grad draußen, ganz schön herbstlich frisch! Über uns war ein klarer Sternenhimmel, und da stand er wieder, der Orion. Diesmal auf dem Kopf.

Buenos Aires Tag 8

Vor genau einer Woche sind wir angekommen. Inzwischen haben wir das Gefühl, dass wir uns auskennen, ein bisschen zumindest. Im Zentrum der Stadt, wo ja gerade mal drei der insgesamt 13 Millionen Einwohner von Buenos Aires leben. Es ging mir heute endlich besser, ich hatte wieder mehr Energie. Wir haben uns noch einmal nach Puerto Madero aufgemacht, haben uns Fahrräder gemietet und sind in das Naturschutzgebiet und zum Río de la Plata gefahren. Das war total schön. Alle Porteños, die übers Wochenende und über die zwei zusätzlichen Feiertage nicht weiter rausfahren können, so schien es, suchten dieses Naherholungsgebiet auf, um am Strand zu liegen, zu picknicken oder Sport zu treiben – baden war leider verboten. Das Wasser sei vergiftet und so verunreinigt, dass man sich schnell eine Verletzung holen könne, so ungefähr hieß es auf dem Schild. Aber ehrlich gesagt lud die braune Brühe ohnehin nicht zum Baden ein. Wir machten das, was alle taten: wir sonnten uns.

Auf der Rückfahrt sahen wir durch wunderbar grüne Bäume und geschützte Pflanzen hindurch, hinter einem Liebespärchen schwarzen, giftigen Rauch aus einem Schornstein aufsteigen und auf der anderen Seite, romantisch durch Gräser verdeckt, kam die Hochhausskyline von Puerto Madero zum Vorschein. Irgendwie bizarr. Wir gaben die Räder ab. Zehn Minuten später als vereinbart, sofort mussten wir draufzahlen! Dabei waren die Fahrräder verrostet, schmutzig und nicht ordentlich aufgepumpt: schrottreif. Für zwei Stunden hatten wir acht Euro pro Rad hinlegen müssen! Ganz schön dreist! Aber dann gab es frisch gepressten Orangensaft und ein Bife Hamburger. Sehr lecker, und die Welt war wieder in Ordnung. Nachdem der Bus nicht kam, mit dem wir zum Museum für moderne Kunst fahren wollten, sind wir durch San Telmo geschlendert. Es war ja Sonntag, also Touristenmarkt, mit Tango an jeder Ecke. Diesmal hielten wir uns lieber etwas abseits, in den kleinen parallelen Seitengassen, wo wir sofort ein neues, unverwechselbares und immer wieder einzigartiges Café entdeckten.

Die Bar- und Caféhausszene in Buenos Aires ist unendlich vielfältig, verführerisch und charmant! Abends hatten wir uns doch noch Tickets für eine Tango-Show in unserem Frühstückslokal gegenüber besorgt. Um acht standen wir gestylt und gespannt am Eingang und wurden sogleich an unseren Tisch geführt. Meine Güte, wie sich unser Frühstücksraum verändert hatte! Wo morgens der Eingang war, war nun eine versenkbare Bühne einen Meter hochgefahren worden, der lange Büffettisch war zum Laufsteg geworden. Von der Decke wurden an vier Seiten Leinwände heruntergerollt, und unser Essen wurde uns auf silbernen Tellern serviert. Eine Flasche Rotwein inklusive, versteht sich. Alles war perfekt und professionell.
Erst jetzt wurde uns so richtig bewusst, was für eine besondere Location dieses Tangohaus aus dem Jahre 1920 war. Und weil gestern der Karneval angefangen hatte, bekam auch noch jeder eine Maske geschenkt, und vor den Tischen posierten vier junge Paare in original-venezianischen Kostümen und forderten uns zu Fotosessions mit ihnen auf.

Auch ein Harlekin war zugegen. Während des zweistündigen Dinners wurde Verdi mit Live-Gesang geboten, die zwei Solostimmen waren gar nicht mal schlecht (die Thespisnarren hätten es allerdings besser gemacht! Warum sind wir eigentlich nie hier in B.A. aufgetreten?!).

Der erste Gang des Menüs war ein exzellenter Meeresfrüchte-Cocktail. Es folgte – natürlich – ein argentinisches Steak und als Nachtisch ein Trifflé.

Erst nach dem Karnevalsdinner fing dann die Tangoshow an, die auch ohne Essen gebucht werden konnte. Die Show wurde ähnlich präsentiert, wie man es aus dem Hamburger Hansatheater kennt: auf den Leinwänden wurde zunächst ein kleiner Einführungsfilm zur Geschichte des Tangos abgespielt. Dann folgte, vier Tango-Stilen und -Epochen entsprechend, von “el Arrabal”, über “el Cabaret”, zu “la Milonga” und dem “Modernismo” Tanztheater im Tangoschritt vom Feinsten.

Dazu vier grandiose Musiker und zwei Gesangssolisten. Stilvoller hätte unser letzter Abend in Buenos Aires nicht zu Ende gehen können.

Buenos Aires Tag 7

Heute war keine Schule mehr, sondern wieder ein Wochenende. Wir haben das U-Bahnfahren ausprobiert, zum Stadtteil Recoleta. War völlig unproblematisch, günstig – umgerechnet 50 Cent pro Ticket – nicht voll und reichlich klimatisiert – ich musste vorsichtig sein, meine Erkältung wollte einfach nicht weichen. Recoleta ist viel vornehmer als San Telmo, erinnert mit seinen Nobelhotels, Geschäften und den entsprechenden Preisen an Eppendorf. Eine kleine Pizza für 10 Euro war schon ganz schön heftig! Es fand gerade ein überschaubarer Flohmarkt mit ausgefallenem Kunsthandwerk auf der Plaza Intendente Alviar, auch “Plaza de Francia” genannt, statt. Man konnte, anders als in Indien, nur gucken und wurde nicht ständig zum Kaufen aufgefordert. Sehr angenehm!

Kaum waren wir im Museo Nacional de Bellas Artes, da ging das Licht aus, und alle Besucher wurden aufgefordert, schnellstmöglich nach draußen zu gehen. Das Museum wurde für zwei Stunden geschlossen. Merkwürdige Zwischenfälle geschehen hier! Wir schlenderten weiter, an schattenspendenden Parks mit riesigen, alten Bäumen vorbei, zum berühmten Friedhof von Recoleta. Dort liegt ein Mausoleum neben dem anderen, eines prunkvoller und teurer als das nächste. VIP-Gräber für die Ewigkeit. Es soll für die Einheimischen schwerer sein, eine Grabstelle auf diesem Friedhof zu ergattern, als eine Wohnung. Und Letzteres dürfte, ähnlich wie in Hamburg, schon so gut wie aussichtslos sein. Klar haben wir uns das Grab von Eva Perón angeschaut. Es war das einzige, wo wahrscheinlich immer eine Schar von Touristen davor steht. Verglichen mit den anderen Ruhestätten war es recht bescheiden, doch hingen ein paar frische Blumen an der Wand.

Wir brauchten eine Pause, schlürften einen frisch gepressten Orangensaft – zum Glück gibt es den auch hier an jeder Ecke – und machten uns erneut auf zum Kunstmuseum. Dabei stellten wir dann fest, dass wir das falsche Museum erwischt hatten. Eigentlich wollten wir in das für moderne Kunst, das uns von Jeff und Diane empfohlen worden war. Ärgerlich! Die alten Kunstwerke von Greco, Manet, Toulouse-Lautrec und vielen anderen interessierten uns nicht so, dazu brauchten wir nicht Buenos Aires. Es gab zwar auch eine Ausstellung über Erotik und Gewalt in der Kunst, eigentlich interessant, aber wir waren halt im falschen Museum. Wir sind zurück zum Hotel gefahren für einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Abends wollten wir ursprünglich eine richtige Milonga (Tangoveranstaltung) besuchen. Das hatte uns Gíselle wärmstens ans Herz gelegt. Doch Dieter hatte keine Lust, mich krankes Huhn übers Parkett zu schieben, und wir entschieden uns dagegen. Wir fuhren stattdessen wieder U-Bahn – diesmal stieg fast an jeder Haltestelle ein Musiker ein und gab eine Darbietung seines Könnens. Anders als bei uns konnten die Künstler allerdings wirklich etwas und stiegen erst wieder aus, nachdem sie reichlich mit Applaus belohnt worden waren. Jeder gab ihnen Geld. Davon kann so mancher Porteño dann wohl wirklich leben. Später kamen auch Straßenverkäufer in den Waggon, legten uns Kaugummi, Buntstifte oder eine Anleitung zum Bestehen des Führerscheins auf den Schoß. Man konnte das jeweilige Produkt in Ruhe anschauen, dann wurde es wieder eingesammelt, wenn du es nicht kaufen wolltest. Andere Länder, andere Sitten.

Im Stadtteil Palermo, wo in einem Park laut Reiseführer am Wochenende immer öffentliche Tangoveranstaltungen stattfinden sollten, gab es heute stattdessen ein chinesisch-argentinisches Freundschaftsfest. Auf einer großen Bühne mit Leinwänden, so dass alle etwas sehen konnten, spielten argentinische Musiker, ein Sänger gab alles an Liebessehnsucht zum besten, was er bieten konnte, und – natürlich – wurde schließlich Tango getanzt. Zwei professionelle Paare zeigten, was Dieter und ich noch so alles lernen können, damit es gut aussieht. Uns war es zu voll hier.

Wir kamen am nächsten Park vorbei: Dort tanzte ein Dunkelhäutiger – vermutlich ein Kubaner – mit einer jungen und einer älteren Frau Salsa. Das war grandios! Vor allem sah man der älteren Frau an, wieviel Freude sie am Tanzen hatte. Sie konnte sich mindestens genauso gut zur Musik bewegen wie die junge Frau. Und der durchtrainierte Mann führte die beiden so locker zur Musik, dass man sofort Lust bekam, mitzutanzen.


Wir fuhren zurück nach San Telmo, mischten uns dort unter die vielen Leute auf der Straße, gerieten in einen Karnevalsumzug, kehrten noch in einer der unzähligen Bars ein und ließen wieder einen schönen und angenehm warmen Tag in dieser lebhaften Stadt ausklingen.

Buenos Aires Tag 6

Heute war unser letzter Schultag. Schade! Hat echt Spaß gemacht, mal wieder zur Schule zu gehen und noch dazu in solch einer faszinierenden Stadt! Der Test war relativ einfach, aber es gab auch kleine Schwierigkeiten, die von uns Deutschen immer wieder falsch gemacht werden. Nach der Schulentlassung – sehr nett gemacht mit Fotosession für jede Gruppe, Verabschiedung durch den Schulleiter und Tschüsssagen zu den Mitstudenten – sind Dieter und ich nach Hause.

Ich musste mich ausruhen, meine Erkältung raubte mir jegliche Energie. Nachmittags konnte ich dann aber doch wieder an einer zweistündigen, geführten Tour durch Puerto Madero teilnehmen. Eine Lehrerin unserer Schule, Roxanna, leitete den Spaziergang. Das war richtig klasse, so viel Spanisch habe ich in der ganzen Woche nicht geredet, gehört und verstanden. Puerto Madero erinnert an Hamburgs Hafencity. Ist auch so ein neuer, moderner Stadtteil mit vielen Glasfront-Hochhäusern einerseits und zu Wohnungen aufgepeppten alten Speicherhallen andererseits. Natürlich für den Normalbürger hier wie dort unbezahlbar. Es war gemütlich, an der Dockpromenade entlang zu spazieren, und auf Spanisch erzählt zu bekommen, dass die Puente de la mujer in ihrer Form an eine Tangopose erinnern soll. Mit etwas Phantasie schien das plausibel und passend.

Alle Straßen tragen hier die Namen von Frauen, die etwas Besonderes geleistet haben. Das ist doch mal was! Wir kamen an einer Anne-Frank-Statue vorbei und an einer Nana von Niki de Saint Phalle. Alles sehr weiblich hier im eher als Macholand bekannten Argentinien. Überraschend und erstaunlich.

Dann kamen wir zum Reserva Costanera Sur, einem Naturschutzgebiet, das dem Río de la Plata vorgelagert ist. Schon in den Bäumen am Eingang konnten wir grün-bunte Papageien und am Ufer Reiher beobachten. Wir schlenderten die Promenade am Reservat entlang, wo in zahlreichen Buden die leckersten Kuchen, Brote und Getränke zu einem günstigen Preis angeboten wurden, und Tische und Stühle aufgestellt waren, die zum Verweilen einluden mit weitem Blick über das Naturschutzgebiet. Die Promenade ist gleichzeitig ein Walk of Fame der bekanntesten argentinischen Sportler, die alle paar Meter als Statuen auftauchen, und wo auf Tafeln die sportlichen Leistungen festgehalten sind.

Dann ging es zurück, und wir mussten uns auch von Diane und Jeff verabschieden. Bin gespannt, ob wir uns in Kanada oder in Hamburg mal wiedersehen.

Das wäre toll! Zu weiteren Aktivitäten war ich am Abend wegen meiner Erkältung leider nicht mehr in der Lage.

Buenos Aires Tag 5

Jetzt geht plötzlich wieder alles so schnell! Heute war schon unser vorletzter Tag in der Sprachschule und unser letzter Tangokurs-Tag. Wir hatten uns mit Jeff und Diane beim Edificio Barolo verabredet. Kurz nachdem wir dort angekommen waren, gab es einen enormen Knall, so dass wir schon befürchteten, ausgerechnet heute breche der zwischen 1919 und 1923 errichtete 22-stöckige Prachtbau zusammen. Alle Blicke richteten sich auf einen der fünf eisenvergitterten Fahrstuhlschächte. Da war doch nicht etwa einer dieser altehrwürdigen, kolonialen Fahrstühle heruntergekracht? Wir hielten gerade erwartungsvoll unsere Tickets für eine geführte Tour nach oben in den Händen. Das Sicherheitspersonal schaute hilflos drein, war ständig am Telefonieren, jemand rannte eiligst Treppen runter, immer wieder wurde durch die Gitter geguckt – wir Touris sollten natürlich nicht. Gott sei Dank schienen keine Menschen zu Schaden gekommen zu sein. Nach einer Weile wurde ein Schild angebracht: No funciona. Nach etwa einer halben Stunde Ratlosigkeit kam unser Guide, Tomás. Ein junger Mann mit Hut, einem weißen Hemd und  Hosenträgern – er hätte sich als Conferencier jeder Straßentheatervorführung geeignet. Er erzählte etwas davon, dass der italienische Architekt dieses Gebäudes, Mario Palanti, sich bei seinem Werk von Dantes Inferno hätte inspirieren lassen. Wir stünden gerade ganz unten im Foyer, in der Hölle. Soeben war der Fahrstuhl an uns vorbei durchs Fegefeuer gerauscht. Davon wusste Tomás nichts. Da sah ich sie: die Drachen an den Wänden und dazwischen die bronzenen Höllenfunken. Sollten wir es wagen, als wäre nichts gewesen, auf die gebuchte Palacio Barolo Tour zu gehen und in einem der anderen Fahrstühle nach oben, o je, ins Paradies zu fahren?

Ich fühle mich noch zu jung fürs Paradies! Sollten wir lieber vierzehn Stockwerke durchs Fegefeuer hochsteigen oder gleich ganz verzichten? Tomás erzählte, dass er die Touren schon länger mache und die Fahrstühle sicher seien. Solche Sprüche kennen wir doch! Wir stiegen ein. Es ging nach oben. Es fing an zu rumpeln, oh nein, bitte nicht! Der Fahrstuhl hielt an. Zwischenstopp im siebten Stock. Man konnte wunderbar vom Fegefeuer in die Hölle blicken. Wieder ein paar Dämonen an den Wänden. Tomás sprach so schnell spanisches Englisch, dass ich kaum etwas verstand. Na gut, der Weg zur Hölle ist jedenfalls lang. Wir stiegen wieder ein. Weitere sieben Stockwerke nach oben. Oh mein Gott, wieder  Rumpelgeräusche – ja, der Fahrstuhl ist wunderschön, so alt, so kunstvoll verschnörkelt. Aussteigen. Nun ging es zu Fuß weiter. Noch einmal sechs Stockwerke. Tomás scherzte: “Was liegt über dem Paradies? Haha! Die VIP-Lounge natürlich”. Einigen aus der Gruppe reichte schon hier der Panoramablick auf Buenos Aires, wo man rundherum Türen zu kleinen Balkonen öffnen und sich dann über die Brüstung beugen konnte, oder auch nicht. Nicht schlecht! Aber wenn schon, denn schon! Wir wollten in die VIP-Lounge. Nichts für korpulentere Leute. Eine schmale Wendeltreppe aus Stein führte weiter hoch, dauernd musste man seinen Kopf einziehen. Und dann waren wir da. In einer engen, kleinen Glaskuppel mit elektrischem Leuchtfeuer, dessen Licht nachts über einen konkaven Spiegel verstärkt bis Montevideo strahlt. Licht, hoch oben über Buenos Aires. Tomás meinte, man dürfe sich nicht auf das Glasfenster setzen, sondern nur auf die mit Plastik überzogenen, höchstens fünfzehn Zentimeter im Durchmesser breiten Kissenrollen. Auf Dauer ganz schön unbequem hier oben im VIP-Paradies. Und weit da unten der Río Plato im Sonnenschein, die Casa Rosada, der Obelisk, unsere Sprachschule, die Tangobars, die Plaza de Mayo, tosendes Leben…Da unten liegt das Paradies, da wollte ich schnellstmöglich wieder hin!

Treppen runter – der eine Fahrstuhl war immer noch kaputt – rein in den anderen, es ging angenehm langsam, wir standen wieder im Foyer. Ente ist die Hölle schön! Tomás verabschiedete sich artig mit Handschlag von jedem einzeln – si claro, Trinkgeld gibt’s weder im Paradies noch in der Hölle gratis. Dann standen wir wieder auf der Avenida de Mayo und fanden einstimmig, dass die Barolo Tours zu teuer waren – etwa 18 Euro pro Person. Wir gingen mit Jeff und Diane noch in das nette Café, wo wir schon vor zwei Tagen waren und unterhielten uns gut gelaunt darüber, was wir schon für paradiesische Reisen in traumhaft schöne Länder auf dieser Erde  unternommen hatten.

Dann war unsere letzte Tangostunde. Leider wollte sich der Fortschritt heute nicht so recht einstellen. Vielleicht lag es daran, dass ich mir eine teuflische Erkältung eingefangen hatte, vielleicht lag es an unserem Ausflug ins falsche Paradies – so richtig klappte die Kommunikation zwischen Dieter und mir und der Musik und Gíselle heute nicht. Und trotzdem: Gíselle war bezaubernd. Durch sie haben wir eine Idee davon bekommen, wie paradiesisch es sein muss, sich spielerisch und leicht, kommunikativ stimmig und leidenschaftlich harmonisch zu Tangomusik übers Parkett zu wiegen. Wir kehrten noch einmal in der Molly Mallone’s Bar vor unserem Hotel für einen Mojito ein, wieder hielt gegenüber derselbe Laster, der immer zur gleichen Zeit das Eis für die umliegenden Bars liefert, wieder lief die Tangoshow.

Morgen, nach dieser buena noche, werden wir Examen machen.