Buenos Aires Tag 4

Wir finden allmählich unseren Rhythmus in Buenos Aires. Jeden Morgen genießen wir das herrliche Früstücksbuffet im Tango-Schuppen gegenüber, mit frischen Pampelmusen-, Orangen- und Melonenstücken. Wir kennen den Schulweg und wissen, wie lange wir brauchen, es gibt kein Zuspätkommen mehr. Auch haben wir inzwischen beide eine argentinische SIM-Karte in unseren Handys, so dass wir uns im Notfall erreichen können. Es macht Spaß, sich am Morgen unter die arbeitende Bevölkerung zu mischen, so als würde man dazugehören. Nach der Schule haben wir ein nettes Lunch-Lokal in der Avenida de Mayo entdeckt und uns später Tickets für morgen organisiert, um auf das Edificio Barolo zu kommen, ein Tipp aus dem Reiseführer. Auf der Avenida de 9 Julio gab es ein Kunstwerk, das die Wasserfälle von Iguazú darstellt.

Beim Fotografieren wurde man unweigerlich nassgespritzt. Herrlich in der Hitze!  Dann wieder Tango. Heute hatte Gíselle Highheels an, und je nachdem, ob sie als Mann oder als Frau getanzt hat, wechselte sie ihre Schuhe. Was Schuhe ausmachen! War super entspannt und toll heute. Nach dem Kurs sagte mir Cristín, dass ich sehr schön getanzt hätte, und man mir ansehe, dass es mir Spaß bringe. Wieder pulsierte das Leben auf der Corrientes, eine Bar, ein Restaurant, ein Theater neben dem nächsten, und das alles abends bei 30 Grad. Wunderbar!

Heute haben wir uns auf dem Nachhauseweg Zeit gelassen, und obwohl wir noch einen Wein und was zu naschen für abends gekauft hatten, haben wir uns noch in eine Straßenbar vor unserem Hotel gesetzt und bei einem Mojito dem Treiben zugeschaut. Bis weit nach Mitternacht ging es dann auf unserem kleinen Balkon weiter, wir lauschten der Tango-Live-Musik von gegenüber, und endlich konnte ich auch wieder unseren Blog schreiben.

Buenos Aires Tag 3

Der Abend gestern hatte seinen Preis: Als ich heute Morgen um 9:05 Uhr das Klassenzimmer betrat, waren schon alle da, und Beatriz, unsere Spanischlehrerin aus Madrid, hatte schon mit dem Unterricht angefangen. Nicht mal eine spanische Entschuldigung fiel mir ein. Jeff und Megan stellten gleich fest, dass das aber gar nicht typisch deutsch sei, und dann dauerte es auch noch eine gefühlte Ewigkeit, bis ich meine Sachen sortiert hatte. Toller Einstieg! Erst nach der zweiten Pause ging es mir besser. Nach der Schule sind Dieter und ich zum Hotel zurück und haben Mittagsschlaf gemacht. Abends sollte unsere erste Tango-Stunde stattfinden. Heute wurde sie von der Schule gratis angeboten. Wir sind also so gegen halb fünf losgezogen, zu Fuß. Wir kamen am Café Tortoni vorbei, dem ältesten Café von Buenos Aires, wo der Becher Kaffee wahrscheinlich an die 200 Pesos kosten dürfte  – wir haben es nicht ausprobiert – , weil sich früher dort die Intellektuellen von Buenos Aires getroffen haben, der Tangokönig Carlos Gardel, der Maler Quinquela Martín oder Schriftsteller wie Luís Borges und Federico García Lorca.

Gleich daneben das Tangomuseum. Heute nicht! Wir überquerten die mit bis zu 140 Metern angeblich breiteste Straße der Welt, die Avenida 9 de Julio, – Argentinier scheinen Superlative zu lieben – und dann standen wir etwa eine Stunde zu früh vor dem Gebäude der Tanzschule. Wieder gab es kein Schild, das darauf hindeutete, dass hier eine Tango-Schule untergebracht sei. In Buenos Aires muss man wissen, wo man hin will, man muss die genaue Adresse kennen, sonst ist man verloren. Ein Hausmeister wachte darüber, wer hinein durfte und wer nicht. Wir schauten uns noch ein bisschen in der Gegend der Avenida Sarmientes um, kamen auf die Avenida Corrientes, den Broadway von Buenos Aires, mit den vielen Theatern und Kinos, und entdeckten ein äußerst nett gelegenes Café, in einer Seitengasse, wo wir uns einen Kaffee gönnten. Herrlich! Sommer, 36 Grad, um uns herum relaxtes Großstadtleben, meistens englischsprachige Popmusik, viele Menschen, die es sich offensichtlich gut gehen ließen, und die Zeit und das Geld hatten, ein Bier, einen Cocktail oder einen Kaffee zu trinken. Dann Tangostunde. Auch André, Christian, Rafael, Megan und Margarete aus der Sprachschule waren dabei. Gíselle war unsere Lehrerin. Sie hatte lange, blonde Haare, war um die 30 Jahre alt, hatte dicke, flache Sportschuhe an, und dennoch sah jede ihrer Bewegungen einfach super grazil aus. Sie tanzte als Mann mit einer Frau, Cristín, vor. Gíselle war wunderbar natürlich. Sie meinte gleich, Tango sei keine Schrittfolge sondern Kommunikation, egal wer führen würde. Hauptberuflich arbeite sie als Psychologin. Meistens habe ich mit Dieter getanzt, aber es wurde auch getauscht. Christian und Rafaél waren auch Anfänger, oder klappte nur die Kommunikation nicht?

Mit Dieter hat es jedenfalls am meisten Spaß gemacht. Morgen ist dann unsere erste regulär gebuchte und bezahlte Tanzstunde. Mal sehen, wie das wird. Gemütlich schlenderten wir die etwa drei Kilometer durch das lebhafte, uns immer vertrauter werdende Buenos Aires zum Hotel zurück.

Buenos Aires Tag 2

Zum Glück waren wir den Weg zur Sprachschule gestern schon abgelaufen. Wir würden ungefähr eine halbe Stunde brauchen. Um sieben waren wir die ersten im “Querandi”, der Tangobar gegenüber, wo wir überraschender Weise unser Frühstück einnehmen sollten. Absolut hervorragendes Büffet, alles, was das Herz begehrte.

Dann auf zur Schule, vorbei an der Reiterstatue “La Boca”, an der Kathedrale, an der Plaza de Mayo und der Casa Rosada – heute war alles abgesperrt – durch das Bankenviertel der Avenida de Mayo. Der 25. Mai ist Argentiniens Nationalfeiertag. 1810 hat sich das Land für unabhängig von der spanischen Krone erklärt. Wir reihten uns ein in die vielen Berufstätigen, die trotz Sommerferien zur Arbeit strömten und fielen hier – anders als in Indien – als Touristen nicht weiter auf.

Meine Güte laufen hier viele Menschen mit Knöpfen im Ohr rum! Und viele Frauen in High Heels oder mit Plateausohlen! Die Schule befand sich tatsächlich im vierten Stock des Gebäudes, das wir gestern schon angeschaut hatten. Und: Wir waren nicht die einzigen. Mindestens 30 andere Spanischschüler hatten sich eingefunden: Christian, ein Deutscher, mehrere Schweizer, darunter André, ein rüstiges Rentnerehepaar aus Kanada – Jeff war Journalist, Diana Graphikerin – , Rafael, ein Franzose, Megan, eine kalifornische Krankenschwester, Margrete, eine schottische Ärztin,  ein Holländer, der wie der junge Elvis aussah, Brasilianer, Engländer, Rumänen, Belgier, eine Keniarin.. . Um Punkt acht wurden wir begrüßt und aufgefordert, zum Einstufungstest in einen Klassenraum zu gehen. Eine gute halbe Stunde brüteten wir über einem spanischen Lückentest – Dieter und mir fielen die Zeiten der unregelmäßigen Verben einfach nicht mehr ein. Verstehen konnten wir allerdings eine ganze Menge. Während der Korrektur wurden wir mit Kennlernspielchen bei Laune gehalten und mit dem Wochenplan vertraut gemacht. Alles sehr professionell! Dieter und ich kamen in verschiedene Gruppen. Und dann ging’s los. Spanischunterricht unterbrochen von drei Päuschen, bis 13:00 Uhr. Danach schwirrte uns der Kopf. Wir hatten Hunger. Setzten uns ins erstbeste Lokal zu einem Mittagstisch. Ich: etwas fade Bandnudeln mit noch faderen Meeresfrüchten, Dieter: Rinderlenden. Danach Mittagsschlaf im Hotel. Kollegin Viola ist seit Januar in Argentinien unterwegs und zufällig mit ihrem Freund Nils jetzt in Buenos Aires. Wir haben uns abends zum Essen verabredet, im “Las Nazarenas”. Total verrückt, die beiden hier in Argentiniens Hauptstadt zu treffen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Wir haben ordentlich reingehauen: Argentinisches Steak satt, dazu einen Salat und Rotwein.

Ja, wir haben es uns richtig gut gehen lassen. Si claro, wir sind im Urlaub! War ein netter Abend, an dem wir uns unsere Reiseabenteuer von Feuerland bis Indien erzählt haben. Wir sind trotz Regens – es hatte angefangen wie aus Kübeln zu schütten – zu Fuß nach Hause gegangen, etwa eine halbe Stunde, immer die Avenida Florida entlang. Die Geschäfte hatten inzwischen alle zu, viel Sicherheitspersonal und Polizei war zugegen, es war alles hell erleuchtet. Wir fühlten uns sicher. Auch hier – wie in Indien – schlafen viele Obdachlose in den Häusereingängen. Trotz des zur Schau gestellten Reichtums anhand gepflegter Prachtbauten aus der Kolonialzeit, Einkaufspassagen mit einem unglaublichen Konsumangebot, einer funktionierenden Müllabfuhr und scheinbar europäischen Lebensstandards, gibt es viele Arme, für die offensichtlich nicht genügend getan wird. Vom argentinischen Wein berauscht fielen wir schließlich gegen eins in unsere Betten. Ein Glück, dass wir morgen erst um 9:00 Uhr in der Schule sein müssen.

 

 

Buenos Aires Tag 1

Unser Taxifahrer war sehr kommunikativ, zeigte uns beim Vorbeifahren gleich eines der vielen Fußballstadien von Buenos Aires, Kirchen und Einkaufszentren und meinte, heute, am Sonntag, sei immer die Casa Rosada, wo sich die Amtsräume der Präsidentin befinden, für die Öffentlichkeit zugänglich. Es gäbe sogar gratis Führungen. Wir wollten erst mal ankommen. Wir waren müde – im Flugzeug schläft sich nicht so gut –  und dann gleich eine Kommunikation auf Spanisch hinlegen – das wollten wir ja erst im Sprachkurs lernen. Es war erstaunlich leer auf den Straßen. Der Taxifahrer meinte, es sei halt Sonntag und außerdem Ferienzeit. Immerhin zweieinhalb Monate in Argentinien, seit Mitte Dezember. Es ist Sommer hier auf der Südhalbkugel, über dreißig Grad wärmer als noch gestern in Hamburg. Gegen zehn Uhr waren wir im Hotel, im Stadtteil San Telmo. Gegenüber gibt es ein Tangohaus. Wir haben uns erst einmal ausgeruht. Unser Zimmer ist in einem renovierten, zweigeschossigen Haus mit Dachterrasse, und es hat eine Klimaanlage. Die braucht man hier. Gegen 15 Uhr machten wir uns auf den ersten Streifzug durch Buenos Aires. Schon nach fünf Minuten Fußmarsch standen wir  auf der Plaza de Mayo, wo immer noch mit großen Transparenten und weißen Kreuzen der Verschwundenen der Militärdiktatur (1976-1983) gedacht wurde. Wurden sie gefoltert? Ermordet? Die Täter wurden nicht verfolgt, nicht bestraft, die Angehörigen der Opfer leiden bis heute unter der grausamen Ungewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten. Und plötzlich standen wir vor der schon erwähnten Casa Rosada.

Es war Sonntag, Touristen strömten in das rosa Gebäude mit Balkon zur Plaza, wo schon Eva Perón sich einst hatte bejubeln lassen – also nutzten wir die Chance, obwohl wir gedanklich noch fast in Hamburg waren, oder zumindest im Flugzeug, jedenfalls noch nicht richtig hier. Auch daran wird es wohl gelegen haben, dass uns dieser Palast nicht wirklich beeindrucken konnte, vielleicht auch an den sich unweigerlich einstellenden Vergleichen mit den Prachtbauten, die wir in Indien gesehen hatten. Es gab eine Galerie von argentinischen Idolen der Moderne, der Tangokönig Carlos Gardel, Messi und die argentinische Fußballmannschaft waren dabei – nicht schlecht! Ein Erinnerungszimmer für Frau Perón, darin ein hübsches, rot-weiß-gepunktetes Kleid, das sie bestimmt bestens gekleidet hatte –  na ja! – und einen goldenen Saal, das Prunkstück des Hauses. Der Spanisch und Englisch sprechende Guide schien seine Erklärungen gut auswendig gelernt zu haben, er sprach so aufgeregt und schnell, dass man ihm nur mit größter Anstrengung folgen konnte. Von den mit rotem Samt bedeckten Zuschauerstufen wäre ich daher  vor Müdigkeit fast heruntergekippt. Aber sich aus der Gratisführung einfach davonzustehlen, war nicht möglich. Bei unserem Fluchtversuch wurden wir freundlichst zurückgeholt und gebeten, uns doch wieder einzureihen, da hinter uns schon die nächste Gruppe käme.

Endlich wieder draußen an den buenos aires, liefen wir noch durch ein Bankenviertel bis zu dem Haus, wo am nächsten Tag unser Spanischunterricht stattfinden sollte. Wenn das man richtig war! Kein Schild deutete daraufhin, dass sich hier eine Sprachschule befinden könnte. Aber auch bei unserem Hotel stand außen kein Name, und ohne Taxifahrer hätten wir es nie gefunden. Wir schlenderten zurück, über die Plaza de Mayo und in die Defensa hinein, eine kilometerlange Flohmarktstraße. Immer sonntags, wohlgemerkt! Dort haben wir einen ersten Chorizo-Hamburger gegessen – eigentlich wollten wir etwas mit Salat, die Bestellung auf Spanisch hatte noch nicht geklappt – und einen frischgepressten Saft getrunken, – bevor ich reagieren konnte, hatte die eifrige Verkäuferin schon einen Esslöffel Zucker hineingeschaufelt. Miste! Und Dieters Bier hieß hier nicht mehr Everest sondern Isenbeck. Viele Straßenkünstler gab es zu sehen, Live-Musik an jeder Kreuzung. Und dann natürlich auch die erste Tango-Kombo: ein Pianist, zwei Bandoneonspieler, ein Cellist, drei Violinisten. Eine Musik, so schräg, so schrumpelig, so schön wie nur der Tango auf Buenos Aires’ Straßen sein kann. Das waren Könner, die beherrschten ihre Instrumente, echt toll! Wir haben ihnen gleich eine CD für 50 Pesos ( etwa fünf Euro) abgekauft.

Auf dem Rückweg haben wir noch in einem der unzähligen Straßencafés einen Pfannkuchen mit Ziegenkäse gegessen, und dann ab ins Bett. Morgen sollten wir um 8:00 Uhr beim Einstufungstest in der Sprachschule sein. Buenas noche para hoy.

Im Flieger nach Argentinien

Wir sind also wieder on tour. Marcel und Emina haben uns zum Flughafen gebracht.

Mein Gott, war das eine emotional aufreibende und hektische Zeit! Sieben Wochen lang zurück im kalten Alemania: meine Mutter war im Doppelzimmer eines Pflegeheims gelandet. Geburtstage, Weihnachten, Silvester wurden gefeiert, und immer wieder Besuche im Pflegeheim. Kranke, bedürftige, demente und verwirrte Menschen, die alle liebevolle Zuwendung, Ermutigung, auf jeden Fall Hilfe bei der Bewerkstelligung ihres Alltags brauchen auf der einen Seite, und ein bewundernswert professionell schuftendes Pflegepersonal auf der anderen Seite, das jeden Tag offensichtlich sein Bestes gibt, und das dennoch manchmal vielleicht auch ungeeignet für den Job ist, aber immer gnadenlos überfordert. Der Urin- und Erbrochenengeruch aus den Teppichen lässt sich einfach nicht übertünchen, und die gut gemeinten sozialen Beschäftigungsangebote können nur sporadisch von der Trostlosigkeit, Einsamkeit und Leere der vielen alten Menschen im Pflegeheim ablenken. Wir konnten meine Mutter dort rausholen. Glück gehabt! Wir konnten sie zurück in ihr heimeliges, helles und wohlriechendes Apartment mit Elbblick bringen. Jetzt kann sie wieder den vorbeifahrenden Schiffen hinterherschauen und so manch rotgüldenen Sonnenuntergang am Fenster ihrer vertrauten Umgebung genießen. Ihre Pflege ist, so gut es eben möglich ist, sichergestellt. Und so – ich kann es selbst noch gar nicht glauben – sitzen wir tatsächlich im Flieger. Reisevorbereitungen in Hochgeschwindigkeit liegen hinter uns. Buchungen, Umbuchungen, Stornierungen, auch so manche Fehlbuchung und so mancher Streit blieben nicht aus, grrrr! Dieter leistete die Hauptarbeit, die Festlegung der Route – gut gemacht! Wir sind bereit zu sechs Wochen neuen Reiseabenteuern. Increíble heißt das nun auf Spanisch. Argentina, venimos! Vamos a la playa! Vamos a aprender español! Vamos a bailar el tango! Anflug auf Buenos Aires, 34 Grad, viele grüne Bäume sind von oben zu sehen.