Wir haben es mit unserer Unterkunft mal wieder gut getroffen: nicht nur Blick auf den Ganges, großes Bett mit harter Matratze ohne Getier, sondern auch ein reizend hilfsbereiter Gastwirt. Er hat für Dieter heute jemanden von DHL kommen lassen, der es organisiert, dass wir fünf Kilo überflüssiges Gepäck zurückschicken können. Das Paket dürfte in ca. sieben Tagen in Tangstedt sein. Beim Frühstück stellte sich ein Herr Ashok vor, der uns lauter kleine Zettel vor die Nase hielt, auf denen auf Deutsch seine Massagekünste gepriesen wurden. Gut, wir würden ihn heute Abend ausprobieren. Dann starteten wir unseren ersten Spaziergang in Varanasi. Und schon hatten wir die Orientierung verloren. Motorräder, Kühe, Schweine, Gehupe, Autos, Busse, Kuhscheiße – was, wenn so ne Kuh nun mal austritt, man vor Schreck nach rechts ausweicht, und da kommt gerade so ein rasender Motorradfahrer… Weitergehen, bloß nicht stehenbleiben!
- Das geht ….
- einem nicht mehr …
- aus dem Kopf
Irgendwann hatten wir ihn doch gefunden, den Ganges. Wir spazierten am Strand entlang, nur gab es keinen weißen Sand, sondern eine Art Lehmboden, auf dem sich der ganze Müll angesammelt hatte, der in der Regenzeit den Ganges hinuntergespült worden war. Während des Monsuns steigt der Pegel um bis zu sieben Meter. Und jetzt hat man halt die indische Wattvariante. Es kamen uns ärmlich gekleidete Inder mit vollbepackten Eseln entgegen, die den abgestochenen Boden zur Weiterverarbeitung transportierten.
Wir sahen Kühe, die sich genüsslich über den Blumenschmuck einer kleinen Opferstelle hermachten, wir sahen Dutzende von Kühen, sich im Ganges baden, und dazwischen Menschen: Frauen in ihren Saris, Männer in Unterhosen, nackige Kinder! Alle rein in die heilige, dreckige Suppe. Unglaublich! Und es wurde gewaschen, wenn’s möglich war, mit Seife: Jeans, Unterhosen, Tücher, Bettlaken, Kopfkissen, alles mit Gangeswasser gespült und danach zum Trocknen über die schmutzigen Steinstufen gebreitet. Da liefen dann schon mal ein paar erbärmlich dürre, verflohte Hunde oder Ziegen oder Affen rum, das stört doch keinen Inder!
Wir kamen zum Shivali-Ghat. Dort gab es ein Haveli mit Dachterrasse (Übernachtung an die 200 Euro). Wir durften trotzdem Platz nehmen unterm kleinen Sonnendach und uns beim Lunch das Unglaubliche von oben ansehen. Aus dem Hindu-Tempel nebenan schallte ein fürchterlich monotoner Gesang herüber, viel zu laut für unsere Ohren – aber nun ja, wir sind hier halt nicht an der Elbe! Wir kamen an ein erstes Ghat, wo Verbrennungen stattfanden. Einer, angeblich aus der Familie, die die Verbrennungen organisiert, setzte sich zu uns und klärte uns über das Ritual auf: die Verstorbenen werden möglichst schnell von den Angehörigen in Tücher gewickelt hierher gebracht, ein letztes Mal im Ganges gebadet, bekommen ein letztes Mal zu trinken: eine Tasse Gangeswasser, werden auf die vorbereiteten Scheiterhaufen gelegt, es wird eine heilige Flamme geholt, der Feuerträger, meist der älteste Sohn der/des Verstorbenen läuft fünfmal im Uhrzeigersinn um den Scheiterhaufen herum – wegen der fünf hinduistischen Elemente – dann wird angezündet. Die Verbrennung dauert mindestens drei Stunden.
- Rund um die Uhr
Nicht verbrannte Knochenreste werden anschließend dem Ganges übergeben. Frauen dürfen bei der Verbrennung nicht dabei sein. Sie hätten zu schwache Nerven, könnten anfangen zu schreien, oder hätten sich früher häufig, wenn der Verstorbene ihr Ehemann war, lebendig in die Flammen gestürzt. Das sei somit inzwischen verboten. Wir wussten schon, dass eine traditionell indische Frau beim Tod des Ehemannes geradezu jede Daseinsberechtigung verliert. Sie darf nicht mehr im Haushalt der Schwiegereltern wohnen und auch nicht zu den eigenen Eltern zurück, sondern muss sehen, wie sie auf der Straße überlebt. Das erklärt auch, warum es überall so viele alte, bettelnde Frauen hier gibt. Unser selbsternannter Zeremonien-Guide kam zum Ende seiner Ausführungen. Viele arme Familien könnten sich eine Verbrennung nicht leisten. Deshalb seien sie auf Spenden angewiesen. Es gäbe auch weiter oben Läden,… Nachtigall ick hör dir trapsen! Klar haben wir ihm für seine Infos und für die Armen was gespendet. Aber es ist und bleibt incredible. Abends hatte unser Gastwirt, Arvind, uns eine Bootsfahrt zu einem “good prize” auf dem Ganges organisiert. Jeden Abend fahren an die hundert Boote zum Dashaswamedh Ghat. Jeden Abend geht da die Post ab. Pilgergruppen oder andere Musiker geben ihr Bestes für die Touris. Ob die eine Musik oder Darbietung an Lautstärke die andere überbietet, egal. Es ist ein irres Schauspiel. Jeden Abend kommen dort Menschenmassen zusammen, an Land oder zu Wasser, Kinder hüpfen geschickt von Boot zu Boot und verkaufen kleine, mit Blüten geschmückte Teelichterschalen, die man auf den Ganges setzen kann, und denen man mit Glückwünschen für seine Familie im Kopf andächtig hinterher blickt. Klar haben auch wir das gemacht. Sah total schön aus! Gott sei dank hatte unser Ruderer – er ist bei Arvind für alles Mögliche angestellt – nur uns beide im Boot.
- Tägliches
- Lichterfest
- am
- Dashaswamedh Ghat
Die Rückfahrt den Ganges hoch ist nämlich ganz schön anstrengend. Andere hatten bis zu zehn Passagiere zu transportieren. Wieder andere fuhren gleich im Motorboot. Im Gästehaus wartete schon Herr Ashok, der einzigartige indische Masseur auf uns. Er war gut, ja. Seine Behandlung mit den indischen Nudelhölzern war eine Wohltat. Nur wenn man wie wir schon mal eine dreistündige Thai-Massage in einer Bangkoker Massageschule erlebt hat, ist die Meßlatte selbst für einen Herrn Ashok geradezu unerreichbar hoch (Dieter fand die Massage bei Herrn Ashok besser, weil nicht so schmerzhaft). Der ganze Tag war wieder ein unglaubliches Erlebnis.



















