Varanasi Tag 3

Unser Gastwirt, – ein glühender Modi-Anhänger, der an das Versprechen des Premierministers glaubt, dass in vier Jahren in Varanasi der Ganges sauber sei – hatte uns für heute einen Motor-Rikschafahrer organisiert, der uns zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt fuhr. Zuerst ging es zur großen Banaras Hindu Universität, an der zur Zeit über 15000 Studierende eingeschrieben sind. Sie liegt im Westen Varanasis, und schnell wurde alles sauberer und gepflegter. Hinter Zäunen konnte man die Häuser der Besser-Situierten erkennen. Wir fuhren unter anderem am Institut für Leibeserziehung vorbei, an einem großen Areal dazugehöriger Sportplätze, für Basketball, Fußball, oder Cricket. Auf dem Universitätsgelände steht der New Vishwanatha-Tempel, dessen Existenz dem Uni-Gründer zu verdanken ist, einem Gegner des Kastenwesens.

Weiter ging es mit indischer Musikbegleitung aus den Boxen unseres Rikscha-Fahrers – wir kamen uns vor wie im Film, man konnte das ständige, schrille Gehupe viel besser ertragen – zum Durga-Tempel. Er wird von vielen Touris Affentempel genannt, weil man – nachdem man alle Wertgegenstände wie Pässe, Mobiltelefone und Fotoapparate abgegeben  und die Sicherheitskontrolle inklusive Bodycheck passiert hatte, durch einen Park gehen musste, wo schon so manches Mal ein frecher Affe handgreiflich geworden war. Ich hatte meinen Pass heimlich in der Gürteltasche gelassen und die Bodycheck-Frau hatte es nicht gemerkt. Ätsch! Vor dem Tempel gab es eine lange Schlange. An die hundert Hindus warteten geduldig darauf, ihrem Allerheiligsten, in diesem Fall einer Erscheinungsform von Shivas Gefährtin Parvati, der angsteinflößenden Durga, vielleicht auch einfach der weiblichen Energie, Geschenke zu bringen. Der Andrang zeugte von tiefer,  hinduistischer Religiosität. Nicht-Hindus hatten keinen Zutritt. Na sowas, da hatten wir wohl Durga auf unserer Seite: Wir hatten sowieso keine Lust! Wir haben uns kurz den gegenüberliegenden Tulsi Manas Tempel angeschaut, und dann ging’s zur “Mutter Indien”, der Bharat Mata.

Das fanden wir endlich interessant: ein moderner Tempel, der von Mahatma Ghandi eingeweiht wurde, und wo im Erdgeschoss ein riesiges Relief von Indien und den Nachbarstaaten zu bestaunen war. Der eifrige Tempelwächter kramte sein bestes Englisch aus und war uns per Laserstrahl bei der richtigen geographischen Zuordnung behilflich. Wir erkannten den Mount Everest, das Annapurnagebirge und waren überrascht, wie hoch über dem Meeresspiegel das nördliche Hinterland des Himalayas gegenüber Indien gelegen ist. Vor der Tür saß ein indischer Schausteller mit seinen Liebsten: zwei dressierte Affen, eine Python und eine Kobra. Dieter wollte es nicht verpassen, sich mit diesen niedlichen Geschöpfen fotografieren zu lassen. Anscheinend hatte die Begeisterung der Asiaten, sich mit uns europäischen Exoten ablichten zu lassen, schon auf ihn abgefärbt. Dieter mit Python und Affen. Wau!

Dann ging es in die muslimische Altstadt, wo seit Urzeiten Seide verarbeitet wird. Uns wurde, obwohl es Sonntag war, eine Führung durch die Seidenverarbeitung Varanasis geboten. Mit Hilfe von großen “Lochkarten” wird das richtige Muster in die Saris und Stoffe gewebt. Die kostbarste Seide, so wurde uns erzählt, sei Brokatseide, und sie komme aus Varanasi. Ja und dann? Das Endprodukt. Es war ja Sonntag, eigentlich war also geschlossen. Aber doch nicht, wenn man in Indien ein Geschäft wittert! Wir saßen wieder einmal auf Polstern im Schneidersitz, und vor uns wurden hundert Seidenschals ausgebreitet, einer schöner als der andere, und überhaupt: mein schönes, geliebtes Paschminatuch aus Delhi sei ja ein Fake…Wir sind nicht in die Teppichabteilung gegangen.

Weil wir so lange in dem Emporium waren, witterte der Rikscha-Fahrer seine Chance. Er wollte uns unbedingt noch nach Sarnath bringen, einem etwa 15 km nördlich gelegenen Touristen-Highlight. Also gut! Dort wurden wir von einem leidlich Englisch sprechenden, angeblichen Studenten in Empfang genommen und vom buddhistischen Stupa, über einen Jain-Tempel gleich in den angeschlossenen buddhistischen, natürlich non-Profit-Shop, wo alles für arme Kinder gespendet wird, geführt. Wir hatten die Schnauze voll. Dem Guide haben wir ein erbärmliches Trinkgeld gegeben, davon hat wiederum der Rikscha-Fahrer nichts abgekriegt und war verärgert. Wir wollten zum Gästehaus zurück. Den frustrierten Rikscha-Fahrer haben wir stattdessen so gut bezahlt, dass er uns am nächsten Morgen noch immer verzückt gleich wieder seine Dienste anbieten wollte.