Wir sind um 5:00 Uhr aufgestanden. Eine halbe Stunde später waren wir auf dem Weg zum Taj Mahal. Es war noch dunkel, und wir mussten eine schlecht beleuchtete Straße entlang. Jogger waren unterwegs, keine Kühe mehr, keine Ziegen, keine Schweine. Wir kamen zum West-Gate. Ungefähr zwanzig Leute standen schon an der Kasse. An einem anderen Schalter konnte man zwei Audio-Guides bezahlen. Zum Bodycheck mussten wir in vier Reihen, jeweils nach Männern und Frauen und Indern und Touristen getrennt, Schlange stehen. Gegen sechs Uhr war ich an der Reihe. Meine Tasche wurde durchleuchtet und, so ein Mist! Ich musste zurück: Wegen meiner Taschenlampe, einer Schachtel Bonbons und AnDie! Unser Maskottchen durfte nicht mit! Könnte ja Sprengstoff drin versteckt sein! Dieter war durch. Ich schnell zurück, schnell am Tisch, wo man vorher ‘ne Flasche Wasser und Schuhüberzieher bekommen hatte, die drei Sachen deponiert, und zurück zum Re-Check. Zum Glück musste ich mich nicht noch einmal hinten anstellen. Es gab inzwischen Viererreihen von mindestens 30 Metern. Endlich hatte auch ich es geschafft. Die Sonne war gerade rötlich am Aufgehen, als ich hinter dem ersten, mit Blumenmotiven und Koranversen reich verzierten Sandsteintor das Taj Mahal erblickte.
Beeindruckend, was Großmogul Shah Jahan seiner Lieblingsfrau nach deren Tod erbauen ließ! 1631, mit nur 39 Jahren, verschied seine große Liebe, Mumtaz Mahal, abgekürzt Taj Mahal, kurz nach der Geburt ihres 14. Kindes. Und zweiundzwanzig Jahre später war dieses weltschönste Marmorgrab zum Andenken an eine abgöttisch geliebte Frau fertig gestellt. Ein Märchen aus der muslimischen Welt, das von Liebe und Sex und Schönheit, von Tod und Trauer erzählt. In diesem Paradiesgarten, in dem sich jede Frau danach sehnt, wie Mumtaz geliebt zu werden, standen Bänke bereit, auf denen man sich ausruhen oder in Pose werfen konnte – alle, und es wurden schon in den frühen Morgenstunden immer mehr – hatten Spaß am Spiel mit Schönheit, Eitelkeit und Glanz vergangener Tage. Mitten in dem achteckigen Mausoleum: Mumtaz’ Grabmal mit eingravierten Blumenmotiven und 99 Namen für Allah. Und links daneben – die ansonsten strenge Symmetrie der Anlage störend – der Kenotaph des Gatten. Er wurde dort gegen seinen Willen errichtet. Shah Jahan wollte eigentlich auf der anderen Seite der Yamuna, in einem schwarzen Taj Mahal für die Ewigkeit bestehen. Familienstreitigkeiten machten diese Pläne zunichte. Ein Sohn ließ ihn ins Agra Fort werfen und seinen Traum platzen. Von dort konnte Shah Jahan allerdings bis an sein Lebensende das Meisterwerk für seine große Liebe betrachten. Wir taten es ihm an diesem Nachmittag gleich.
- Die Badewanne des Moguls

















