Von Jaipur nach Puschkar


Tschüß, Haveli, tschüß Jaipur! Zum ersten Mal hatte das Bezahlen mit der Visa Karte geklappt. Um halb neun ging es los in Richtung Puschkar. Immer geradeaus, auf einer schnurgeraden, sechsspurigen Autobahn, durch eher trostloses, weites Land, ab und zu schmuddelige Dörfer am Rand, natürlich immer wieder ein paar Kühe als Verkehrsteilnehmer… Zeit zum Spiegel-Lesen. Mir hat die Kurbjuweit-Kolumne zum Print-Journalismus gefallen: Gute Geschichten, gut geschrieben, brauchen Zeit! Nach zwei Stunden fuhren wir durch “Marble-City”. Mehrere Kilometer lang nichts als Marmor-Verarbeitung. Ob man sich so ‘nen Marmorblock wohl auch schon “for a good prize” vor die Haustür liefern lassen kann? Gegen elf Uhr kamen wir in unserem Maharadscha-Palast in Puschkar an.


Ein Traum: direkt am Puschkar-See gelegen. Einmal wollten wir uns das gönnen. Für eine Übernachtung 80 Euro, ist ja für europäische Verhältnisse nicht viel. Es dürfte unsere teuerste Pension bleiben. Der Legende nach hat der Hindu-Gott Brahma an dieser Stelle ein Lotusblatt fallen lassen, woraufhin der See am Rande einer Wüstengegend entstanden ist. Dann wurde auch noch eine Versammlung aller Götter hier abgehalten, weil es Unstimmigkeiten bei der Hochzeit von Brahma gab, der zu einem ganz bestimmten, astrologisch berechneten Zeitpunkt Savitri heiraten wollte. Savitri war aber so mit Garderobe und Kosmetik beschäftigt, dass sie nicht rechtzeitig eintraf. Da hatte Brahma schon das einzig unverheiratete Mädchen der Region zur Frau genommen. Das vergrätzte Savitri verständlicher Weise. Der Götterrat gestand ihr daraufhin einen eigenen Tempel auf dem höchsten Berg der Umgebung zu. Die Zweitfrau, Gayitri, bekam einen eigenen Tempel auf einem niedrigeren Berg zugesprochen, und Pilger müssen zuerst Savitris und dann Gayitris Haus besuchen. Die Tempel im Ort hatten wir schnell abgegrast.

Am See gab es wieder verschiedene Ghats. Aufgrund der Göttergeschichte ist es ein hochheiliger See. Ghandis und Nehrus Asche wurde hier verstreut, und natürlich reinigen sich gläubige Hindus in der Brühe, neben Affen und Kühen. Trotz der Warnungen unseres Fahrers und unseres Reiseführers sind wir unbehelligt von lästigen Spendeneintreibern an den Ghats spazieren gegangen und haben das uns so fremde, selbstverständliche und enge Miteinander von Tier und Mensch beobachten können.

Zum Lunch waren wir im Hardrock-Cafe. Dort konnten wir das kleinstädtische Treiben von der Dachterrasse aus genießen. Das Café wird von einem Inder mexikanischen Ursprungs betrieben, der sich freundlich zu uns setzte und uns für heute Abend zur Jam-Session einlud. So beschaulich hatten wir Indien noch nicht erlebt! Selbst auf der langen Bazarstraße konnten wir uns zum ersten Mal in Ruhe ein paar Dinge anschauen. Shoppen kann Spaß machen! Hab’ mir in Erinnerung an alte Zeiten gleich’ ne indische Walla-Walla-Bluse gekauft, nichts Aufregendes, aber immer in den gleichen T-Shirts, das musste jetzt mal aufhören!

Wir haben den See einmal umrundet und sind im Sunset Restaurant hängengeblieben, gleich hinter unserm Luxus-Hotel, aber auch mit Seeblick. Vor unserer Nase trommelte Einer und gab somit ein Gratiskonzert. “Good prize” für exzellente Darbietung. Vorher lief Bob Marley. Echt relaxt hier!

Jaipur Tag 2

Heute volles Jaipur-Programm: Ajit fuhr uns nach dem Frühstück zum riesigen, elf Kilometer nördlich von Jaipur gelegenen Amber Fort. Dort gab es drei Möglichkeiten hinauf: mit dem Auto, auf einem Elefanten, zu Fuß. Wir entschieden uns zum Wandern. Die Mauer um das Fort und der Festungsgraben waren so gigantisch, dass wir dachten, wir stehen in China. Aber das mag daran liegen, dass wir die chinesische Mauer noch nicht gesehen haben. Die meisten Touris ließen sich von Elefanten hochbringen. Bevor Jai Singh 1727 Jaipur gründete, war Amber die Hauptstadt der Rajputen und die mit glitzernden Spiegelmosaiken verzierten Paläste, neben kunstvoll gestalteten Marmorzimmern, Toren und Säulen und dem Haremsbereich ließen sich hier wieder bestaunen.

Auf das nebenan gelegene Jaigarh Fort verzichteten wir. Es ging schon wieder auf 35 Grad zu. Wir ließen uns in Jaipurs “Rosarote Stadt” fahren, ins Zentrum, wo auch der von Jai Singh II. in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts erbaute Stadtpalast steht. Alle Häuser in diesem von einer Mauer umgebenen Stadtteil wurden zum Besuch des britischen Kronprinzen 1876 rosarot übermalt, um vorzutäuschen, sie seien aus qualitativ hochwertigem Sandstein. Daher “Pink City”. Außerdem gilt das Rosarot als Farbe der Gastlichkeit.

Heute bewohnen tatsächlich noch Nachfahren von Jai Singh einen Teil des Palastes. Im Gegensatz zum heruntergekommenen Ramnagar Fort bei Varanasi, wo ja auch noch so ein alter Maharadscha wohnte, war hier allerdings alles gepflegt und geputzt. Jai Singh II., der Namensgeber von Jaipur, muss ein ausgesprochen kluger Kopf gewesen sein. Er hat unter anderem physikalische Geräte zur Zeitmessung konstruiert, dIe wir später noch angeschaut haben.

Erst einmal fuhr uns Ajit zum Lunch ins schon seit 1727 bestehende, “LMB”- Restaurant (Laxmi Mishthan Bhandar), ein Must-Have-Seen von Jaipur. Okay, die Tür wurde uns von einem Herrn mit weißem Turban geöffnet, es wuselten viele Ober- und Unterkellner herum, das Essen war gut aber nicht außergewöhnlich. Wir würden unser Roof-Top-Restaurant von gestern Abend immer vorziehen. Aber hier gehen auch Inder essen. Nach dieser Pause in angenehm klimatisierten Räumen ging es zu Fuß weiter zu einem absoluten Highlight: zum Jantar Mantar, dem Observatorium von Jaipur. Dort gab es eine riesige Sonnenuhr, auf der die Zeit auf zwei Sekunden genau abzulesen ist! Echt unglaublich!

Und dazu deren Vorläufer und Uhren, auf denen man, wenn man denn die genaue Zeit seiner Geburt kennt, seinen Aszendenten, seinen Planeten und eine dominierende Charaktereigenschaft ablesen kann.

Unser Guide hat es uns vorgerechnet. Ich war tief beeindruckt, glaube allerdings, dass ich mich bei meiner genauen Geburtszeit geirrt haben musste: Ich bin doch nicht aggressiv! Dieter hat gelacht. Er ist mit seiner ungefähren Geburtszeit besser weggekommen: eine Bereicherung für seine Mitmenschen sei er, andersherum ausgedrückt: ein Klugscheißer!

Auch das Wahrzeichen von Jaipur, den Hawa Mahal (Palast der Winde) haben wir noch angeschaut. Ganz interessant zu erfahren, dass er gebaut wurde, damit die Palastfrauen die Prozessionen auf der Straße beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Ob die Eine oder Andere wohl des Schreibens mächtig gewesen ist, und ihre Beobachtungen aufgeschrieben hat? Wohl eher nicht. Und wenn doch, wäre sie sicher von neidischen Frauen verraten worden, und ihr wären bestenfalls die Hände abgehackt worden. Heute gibt es Fenster in den kunstvollen Gittern. Frau darf nicht nur gucken sondern auch angeguckt und fotografiert werden.

Von Agra über Fatehpur Sikri nach Jaipur

Bis auf dass wir es hier in Indien noch nicht geschafft haben, wie geplant, mit unserer Visa Karte zu bezahlen, hat alles prima geklappt. Gegen zehn Uhr stand unser von Deutschland aus organisierter Fuhrunternehmer, Ashoks Taxi Tours, vorm Hotel, und wir warteten zusammen im Frühstücksraum auf seinen Fahrer. Der Herr über inzwischen zwölf Mitarbeiter gab uns kurze Handlungsanweisungen, dass wir bei allen Besichtigungen nicht auf falsche Guides hereinfallen sollten, uns nicht in irgendwelche Emporiums schleppen lassen sollten…Gebont! Seine Kunden stammten meist aus Deutschland, und er hätte dort seinen deutschen Webdesigner sitzen, der ihm für umme seine Homepage gestalte. Er sei ein Hindu-Brahmane, sollte wohl heißen, höchstangesehenen Ursprungs, sollte wohl den Wert seiner Dienstleistungen für uns erhöhen. Auf Nachfrage erzählte er, dass er drei Kinder habe und schon vier Enkelkinder. Nur eine Hochzeit müsse noch arrangiert werden. Nächstes Jahr sei es wohl soweit. Ich habe ihm erzählt, dass unsere Kinder solche Arrangements nicht akzeptieren würden. Er lachte und meinte, hier in Indien sei es aber so. Ajit, sein Fahrer kam. Auf der Kühlerhaube des mindestens acht Jahre alten Tatas, gut sichtbar für alle umstehenden Rikscha-Fahrer und Imbissverkäufer, wurde unsere Anzahlung abgezählt und noch einmal gezählt. Alles stimmte.

Dann bekam Ajit einen Teil und los ging’s.Nach Fatehpur Sikri, Großmogul Akbars einstigem Machtzentrum im 16. Jahrhundert, etwa 40 Kilometer westlich von Agra. Akbar war der, der versuchte, Menschen verschiedener Religionen unter einen Hut zu bringen und als tolerante Geste drei Frauen verschiedenen Glaubens heiratete. Ein indischer “Nathan, der Weise”. Wie Kletten versuchten sich in Fatehpur die Guides und Händler an die Touris zu heften. Wir waren gewarnt und abwehrbereit. Dachte ich. Doch als ein kleiner, gewiefter Zehnjähriger, Raoul, nicht von meiner Seite wich und mir die ganzen Stories von Akbar und den Kachelmustern, und den Haremshäusern, und dem Mausoleum von Sheikh Salim Chrishti sowieso einem Elefantengrab, von dem ich selbst im Reiseführer noch nichts gelesen hatte, in bestem Englisch erzählte, war ich tief beeindruckt und zückte in Gedanken schon meine Rupienscheine. Ich mochte den Kleinen. Das merkte er und führte mich irgendwann zielstrebig zum Verkaufsstand seines Onkels. Ja, ich habe ihm was abgekauft, und obwohl ich nur ein Drittel des zuerst geforderten Preises für den Löcherelefanten bezahlt habe, war das kleine Souvenir 100-prozentig selbst davon weniger als ein Drittel wert! Shame on me! Beim Feilschen bin ich immer noch eine Niete. Hoffentlich hat Raoul wenigstens ein Trinkgeld von seinem Onkel bekommen!

Gegen drei Uhr fragte Ajit uns, ob wir eine Pause machen wollten. Wir wollten nicht, aber er war hungrig. Er warnte uns, dass wir nichts kaufen sollten, weil es für Touris hier äußerst teuer sei, aber wir könnten uns ja ins Auto setzen. Nach dem Genuss einer in der Tat völlig überteuerten Cola warteten wir zehn Minuten auf ihn, was Dieter nicht akzeptieren wollte: das hätte es bei Lal nicht gegeben! Wir wollten vorgeben, wann wir Pause machen, und wir wollten nicht auf ihn warten müssen. Es stellte sich als ein Missverständnis heraus: Der arme Kerl war heute Morgen um vier Uhr aus Delhi gekommen und hatte einfach Hunger. Gut, dass wir mal drüber gesprochen hatten! Etwa 95 Kilometer vor Jaipur entfernt machte Ajit einen Abstecher zum Chand Baori, einem riesigen im 8. Jahrhundert angelegten Wasserbecken, zu dem man über zahllose Steinstufen hinabsteigen konnte. Bei großer Dürre und Hitze kamen die Menschen aus dem Dorf hier im neunten Jahrhundert zusammen, denn unten war es fünf bis sechs Grad kühler als oben. Daneben gab es eine Tempelruine. Einzelne Säulen- und Altarreste daraus – kunstvolle Steinmetzarbeiten – wurden rings um die Anlage herum ausgestellt.

Um halb sechs kamen wir in einem schönen Haveli in Jaipur an. Es war die ganze Zeit auf einer vierspurigen asphaltierten Straße immer geradeaus gegangen. Lal hätte sich gefreut. Und Jaipur ist die erste, richtig moderne, indische Stadt, in der wir sind. Klar, es gibt auch Kühe und Arme, die in Slums und auf der Straße schlafen, aber es gibt eine Menge Geschäfte, die hinter Glas sind und richtige Einkaufszentren. Wir würden auf den ersten Blick nicht erkennen, dass wir uns in Indien befinden. Wir haben uns zum Abendessen von einem Rikscha-Fahrer gleich zu dem vielleicht schönsten Roof-Top-Restaurant der Stadt fahren lassen. Den Tipp hatten wir aus dem Reiseführer. Ein Volltreffer!

Agra Tag 3

Herrlich! Wir hatten heute Zeit! Haben ausgeschlafen, gefaulenzt, Postkarten geschrieben…Mittags haben wir uns eine Motor-Rikscha geschnappt, und die restlichen Sehenswürdigkeiten der Stadt abgegrast.

Unser Fahrer freute sich, mit uns das Geschäft des Tages gemacht zu haben. Er war einer von den Indern, die dauernd in die Gegend spucken. Wo nehmen die bloß die ganze Spucke her? Zuerst fuhren wir zu Akbars Mausoleum Sikandra. Akbar, der große Mogulherrscher und Großvater von Shah Jahan, hatte schon zu seinen Lebzeiten für sein eigenes Mausoleum gesorgt. Drei Etagen ließ er aus Sandstein bauen, eine vierte aus Marmor wurde auf Anordnung seines Sohnes obendrauf gesetzt. Sieht schon ein bisschen schräg aus! Am Eingang hatten wir sofort einen selbsternannten Guide an den Hacken, der uns seinen Ausweis vor die Nase hielt und anbot, uns durch das Mausoleum zu führen. Ein zweiter Guide gesellte sich dazu, erklärte, dass es sich beim ersten gar nicht um einen Guide sondern um einen garden-worker handele, und ließ uns zwischen sich und dem Garten-Arbeiter wählen. Wir entschieden uns gegen den Gärtner. Von dem Offiziellen wurden wir aufgeklärt, dass Mogul Akbar drei Frauen hatte, eine Muslima, eine Hinduistin und eine Christin, und so befanden sich schon beim reich verzierten Eingangstor Symbole der drei verschiedenen Religionen an den Mauern. Es folgte ein großer Garten, in dem sich Antilopen und andere Hirschtiere weideten. Im Mausoleum konnten wir ausprobieren, wie sich ohne Telefon, wenn man in über fünf Metern Entfernung in verschiedenen Ecken und voneinander abgewandt stand,  problemlos kommunizieren ließ. Die Akustik werde, so erzählte der Guide, unter anderem durch entsprechende Hohlräume unter dem Boden und eine ausgeklügelte Kuppelkonstruktion ermöglicht.


Weiter ging es in ‘ner Motor-Rikscha zu Rambaghs Gärten. Hier waren wir die einzigen Besucher dieses trostlos anmutenden Areals. Ein uniformierter, mit Bambusknüppel bewaffneter Parkwächter folgte uns auf Schritt und Tritt, und machte sich wichtig, indem er alle friedlich im Park schlummernden Menschen für uns zahlende Touris aufscheuchte. Wäre nun wirklich nicht nötig gewesen!

Unser nächstes Ziel war ein heruntergekommenes Mausoleum, das Chini-ka-Rauza. Dort saß wieder ein unterbeschäftigter, inoffizieller Museumsangestellter herum, der uns erklärte, dass dies das Grab eines Dichters und Ministers von Shah Jahan sei, das 1635 erbaut wurde und daneben ruhe der Architekt des Taj Mahal. Beide seien Perser gewesen, und das Grab sei erstmals und einzig in Agra mit bunten persischen Kacheln verziert worden. Den Glanz früherer Zeiten allerdings mussten wir uns einmal mehr vorstellen. Dieters Kamera hat allerdings mit einem lichtstarken Objektiv einiges rausgeholt, was unserem Anblick verborgen geblieben war.

Letzte Station war das im Volksmund Baby Taj genannte Bauwerk – richtiger Name Itimad-ud-Daulah – , das als Vorläufer des Taj Mahal gilt, und wo ein Erster Minister und Schwiegervater des Kaisers Jahangir ruht. Wie das Taj Mahal ist es ganz aus Marmor und mit bunten Einlegearbeiten verziert.

Nach den vielen Gebäuden, die wir heute begutachtet und in Erwägung gezogen hatten, waren Dieter und ich uns hier sofort einig: das nehmen wir!

Agra Tag 2

Wir sind um 5:00 Uhr aufgestanden. Eine halbe Stunde später waren wir auf dem Weg zum Taj Mahal. Es war noch dunkel, und wir mussten eine schlecht beleuchtete Straße entlang. Jogger waren unterwegs, keine Kühe mehr, keine Ziegen, keine Schweine. Wir kamen zum West-Gate. Ungefähr zwanzig Leute standen schon an der Kasse. An einem anderen Schalter konnte man zwei Audio-Guides bezahlen. Zum Bodycheck mussten wir in vier Reihen, jeweils nach Männern und Frauen und Indern und Touristen getrennt, Schlange stehen. Gegen sechs Uhr war ich an der Reihe. Meine Tasche wurde durchleuchtet und, so ein Mist! Ich musste zurück: Wegen meiner Taschenlampe, einer Schachtel Bonbons und AnDie! Unser Maskottchen durfte nicht mit! Könnte ja Sprengstoff drin versteckt sein! Dieter war durch. Ich schnell zurück, schnell am Tisch, wo man vorher ‘ne Flasche Wasser und Schuhüberzieher bekommen hatte, die drei Sachen deponiert, und zurück zum Re-Check. Zum Glück musste ich mich nicht noch einmal hinten anstellen. Es gab inzwischen Viererreihen von mindestens 30 Metern. Endlich hatte auch ich es geschafft. Die Sonne war gerade rötlich am Aufgehen, als ich hinter dem ersten, mit Blumenmotiven und Koranversen reich verzierten Sandsteintor das Taj Mahal erblickte.

Beeindruckend, was Großmogul Shah Jahan seiner Lieblingsfrau nach deren Tod erbauen ließ! 1631, mit nur 39 Jahren, verschied seine große Liebe, Mumtaz Mahal, abgekürzt Taj Mahal, kurz nach der Geburt ihres 14. Kindes. Und zweiundzwanzig Jahre später war dieses weltschönste Marmorgrab zum Andenken an eine abgöttisch geliebte Frau fertig gestellt. Ein Märchen aus der muslimischen Welt, das von Liebe und Sex und Schönheit, von Tod und Trauer erzählt. In diesem Paradiesgarten, in dem sich jede Frau danach sehnt, wie Mumtaz geliebt zu werden, standen Bänke bereit, auf denen man sich ausruhen oder in Pose werfen konnte – alle, und es wurden schon  in den frühen Morgenstunden immer mehr – hatten Spaß am Spiel mit Schönheit, Eitelkeit und Glanz vergangener Tage. Mitten in dem achteckigen Mausoleum: Mumtaz’ Grabmal mit eingravierten Blumenmotiven und 99 Namen für Allah. Und links daneben – die ansonsten strenge Symmetrie der Anlage störend – der Kenotaph des Gatten. Er wurde dort gegen seinen Willen errichtet. Shah Jahan wollte eigentlich auf der anderen Seite der Yamuna, in einem schwarzen Taj Mahal für die Ewigkeit bestehen. Familienstreitigkeiten machten diese Pläne zunichte. Ein Sohn ließ ihn ins Agra Fort werfen und seinen Traum platzen. Von dort konnte Shah Jahan allerdings bis an sein Lebensende das Meisterwerk für seine große Liebe betrachten. Wir taten es ihm an diesem Nachmittag gleich.