New Haven Tag 3

11.8.2017 New Haven Tag Tag 3
Eigentlich wollten wir heute schon um acht Uhr losfahren, zum Skyline Trail, dem berühmtesten und beliebtesten Wanderweg im Cape-Breton-Nationalpark. Wir waren auch zeitig mit allem fertig, doch dann setze ich mich nur kurz in einen der zwei kanadischen Stühle, die vor Joannes Haus stehen, schaue aufs Meer, Dieter setzt sich in den anderen, dann kommen Joanne und ihre Schwester rüber, und wir klönen uns fest. 2017-08-11_kanada-22Über diese bescheuert-gefährliche Witzfigur eines amerikanischen Präsidenten, dass inzwischen schon viele Amerikaner nach Kanada auswandern und über das hohe Ansehen, das Frau Merkel bei beiden und vielen Kanadiern genießt.

Wir erfahren, dass Shelleys Tochter auf eine buddhistische Schule in Halifax geht und auch Joannes Sohn diese besucht hat. Shelleys Mann ist von Beruf Pilot und arbeitet inzwischen vor allem als Ausbilder. Und Joanne und ihr Mann sind in der Tat stolze Besitzer einer Restauranthauskette, sie haben Häuser in Arizona, Halifax und Alberta. Und das, obwohl der Mann mit 14 die Schule hingeschmissen und, wenn ich es richtig verstanden habe, keine große Ausbildung gemacht hat. Er sei ein Workaholic, sie lebten schon seit einiger Zeit getrennt, seien aber gute Freunde. Beide Schwestern reisen gern und waren schon in Thailand oder auch in Italien.
Dann kommen wir endlich los. Wir fahren den nördlichen Cabot Trail entlang und an der Westküste wieder nach Süden. Durch die ganzen Baustellen brauchen wir schon gute anderthalb Stunden, bis wir am Eingang sind. Natürlich hatte Dieter recht: Es ist um elf Uhr schon sehr voll hier. Wir wandern los.

Wieder warnen Schilder davor, dass man Elchen, Bären oder Koyoten, sollten sie uns begegnen, nicht zu nahe kommen sollte. Um uns herum sehr viele tote Bäume. Woran mag das liegen? Gab es einen Brand oder eine Wurmpest? Wir fragen einen Parkangestellten:2017-08-11_kanada-24 Es waren Elche. Wenn im Winter hoch Schnee liegt, knabbern die die Spitzen der Bäume ab, alles, was sie erreichen können, und dann sterben die jüngeren Fichten und Tannen. Deshalb habe man schon eine Fläche eingezäunt, in der junge Bäume nachwachsen können. Nach etwa einer halben Stunde fuchtelt uns eine Gruppe entgegenkommender Touris aufgeregt zu: “Pst! There is a mousse with a baby!” Wahnsinn! Etwa acht Meter entfernt steht eine Elchkuh etwas schlapp auf den Beinen und unter ihr liegt doch tatsächlich ihr Junges. Es kann sich noch nicht einmal erheben, es muss wirklich gerade geboren sein.

Mein Gott, und schon so viele Fotoklicks mussten die beiden ertragen! Natürlich halten auch wir es mit der Kamera fest, gehen dann aber schnell weiter. Die Elchmutter hat bestimmt Angst vor uns gehabt. Nach einer weiteren halben Stunde kommen wir auf das Stück Weges, wofür der Skyline Trail berühmt ist: wir genießen eine wunderbare Panorama-Aussicht vom Kamm eines Berges hinab. Alles ist mit Holzbohlen und Treppen ausgebaut. Es ist schön dort oben, wir verweilen auf einer Bank, meinen unten im Meer wieder Wale durchs Fernglas zu erspähen – ganz sicher sind wir aber nicht – und gehen nach einer Weile zurück.

Wir sind uns einig, dass wir auf Capri und an der Amalfiküste schon spektakulärere Höhenwege gewandert sind. Danach fahren wir den Cabot Trail zurück und baden zum ersten Mal direkt bei uns vor der Haustür im Atlantik. Es ist ein weicher und fast menschenleerer Sandstrand, das Wasser läuft gerade aus einer sich anschließenden Lagune ab, also Ebbe. Herrlich erfrischend und überhaupt nicht kalt. Abends gehen wir in unserem Chowder House gegenüber, das heute geöffnet hat, essen und noch später trinken wir ein Gläschen Wein, oder auch zwei, unter unserem total niedlichen Leuchtturm. Es ist absolut romantisch.

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New Haven Tag 2

10.8.2017 New Haven, Nova Scotia Tag 2
Joanne zeigt uns, wie wir uns fürs Frühstück bei ihr bedienen können, und, großes Privileg: Wir dürfen ihre Waschmaschine benutzen. Supi! 2017-08-10_kanada-1Dann fahren wir zum White Point, laufen das letzte Stück zu Fuß, setzen uns und schauen: Grün bewachsene, gelb-rot-bräunliche Klippen, um uns herum das Meer, sanft und beständig rauschen kleine Wellen heran, vorn schreien ein paar Möwen, die Sonne scheint, es weht ein leichter, warmer Wind, nur wenige Menschen – es ist fantastisch und groß hier. Erinnert mich an Point du Raz, in der Bretagne oder auch an Donnegal, in Irland. Wenn wir den Blick nach rechts wenden, nur Atlantik und das Wissen, dass dort, weit hinterm Horizont, Europa liegt.

Wir winken in Gedanken unseren Mädchen, unseren Freunden und Nachbarn zu, und ich lasse mich von den Seelen meiner Eltern und aller geliebten Verstorbenen streicheln, die mir schwerelos aus einer anderen Dimension zulächeln. Schön!
Nach einer Weile gehen wir zum Auto zurück und fahren auf dem Cabot Trail gen Süden. Wieder eine dieser Baustellen, bei denen ein Mensch in gelb-roter Bauarbeitermontur ein Stoppschild hochhält, bis ein Fahrzeug aus der Gegenrichtung mit zehn bis zwanzig Autos im Schlepptau naht, anhält, sein Gefolge passieren lässt, wendet, der Schildträger nun seinen Job macht und seinen Stab dreht, bis sein Schild uns die Aufschrift “Slowly” zeigt, und nun unsere Seite dem “Follow-me-Gefährt” folgen darf. Diese Beschäftigten muten seltsam aus der Zeit gefallen an, heute wo alles automatisiert und digitalisiert daherkommt. Sie erinnern an Beppo Straßenfeger aus “Momo”, der mehr und mehr von grauen Männchen umgeben ist, die anderen Zeit stehlen, und der dennoch pflichtbewusst seine Arbeit verrichtet. Auch diese Bauarbeiter hier verdienen so halt ihren Lebensunterhalt, sie machen keinen unzufriedenen Eindruck, nicken einem sogar freundlich zu, wenn wir uns bedanken.

Wir fahren zum Warren Lake. Eine etwa zweistündige Wanderung um den See liegt vor uns. Auf Tafeln wird darauf hingewiesen, wie wir uns im Falle einer Begegnung mit Koyoten verhalten sollen: Nicht weglaufen, sondern sich langsam rückwärts entfernen. Wenn das nicht hilft, laute Geräusche machen, um das Tier zu vertreiben. Bei einem Angriff sich mit Stöcken oder allen greifbaren Schlaggeräten wehren. Na, das kann ja heiter werden! Ich habe meine Wanderstöcke dabei, und Dieter schnappt sich einen dicken Holzstab. 2017-08-10_kanada-30So wandern wir durch den dichten Wald von Cap Breton, immer am See entlang, es ist ein einfacher Spazierweg, ohne Steigungen, ähnlich wie am Stechliner See bei uns in Deutschland, nur kürzer. Plötzlich bleibt Dieter stehen: “Pst! Da drüben! Ein Elch!” Tatsächlich! Am anderen Seeufer badet ein Elch im Wasser! Durchs Fernglas können wir ihm bei seiner Morgentoilette zuschauen! Er schaufelt sich mit einem Vorderhuf Wasser über den Kopf, als ob er sich sein Gesicht waschen will. 2017-08-10_kanada-37aJuchhu! Wir sind erst einen Tag hier, und schon sehen wir einen Elch! Dafür hat sich dieser ansonsten eher unspektakuläre Weg ja schon alle Mal gelohnt! Wir wandern weiter. Vielleicht sehen wir ja noch mehr Elche, oder womöglich taucht wirklich noch ein angriffslustiger Koyote auf? Nein, ansonsten bleibt die Wanderung beschaulich.

Nach zwei Stunden erreichen wir den Strand und baden im Warren Lake. Es ist erfrischend, überhaupt nicht kalt.2017-08-10_kanada-11 Nach einem Sonnenbad verlassen wir den Park und kaufen in Ingonish noch etwas für die nächsten Tage ein. Dann gehen wir im von Joanne empfohlenen Restaurant “Seagull” essen. Das Lokal liegt direkt am Meer. Dieter nimmt das heutige Sonderangebot, den Club-Lobster-Burger, ich ein Gemüsewrap. Alles lecker und sehr sättigend. Als wir nach New Haven zurückkommen, hat Joanne schon unsere Wäsche abgenommen, – total nett, aber natürlich nicht nötig – und meint, bei ihr steige gerade eine kleine Party mit lauter Bekannten, die sie uns gern vorstellen würde, und es wäre toll, wenn wir dazukämen. Obwohl ich mich eigentlich lieber ausruhen würde, gesellen wir uns dazu. IMG_9034So lernen wir ihre Schwester, Shelley, die im Nachbarhaus wohnt und ebenfalls B&B-Gäste mitgebracht hat, kennen, und Trish, die am Samstag in ihrem Ferienhaus hier unten am Strand ihren 60. Geburtstag feiern wird mit ihrem 27-jährigem Sohn Tom und seiner Freundin. Außerdem Gail-Anne, deren Großeltern aus Stuttgart stammen mit ihrem Partner Vic, beide verwitwet und vor fünf Jahren miteinander neu liiert, weil sie beide hier immer schon ihre Sommerferien verbracht haben. Vic kann sogar Deutsch sprechen. Alle würden sich freuen, wenn wir sie mal in ihrem Haus besuchen kämen. Irgendwann wird es uns zu viel, und wir ziehen uns zurück.

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Abreise von Riverside-Albert und Fahrt nach New Haven

9.8.2017 Riverside-Albert Tag 5  und Fahrt nach New Haven/ Nova Scotia Tag 1
Ein letztes Frühstück in Riverside-Albert, wo wir noch Gail und Jim aus Ottawa kennenlernen – sie arbeitet bei der Kulturbehörde, er ist Ingenieur – sie sind inzwischen schon das dritte Paar aus Ottawa, das uns auf unserer Reise begegnet. Dann sagen wir Tschüss zu Brigitte und Philippe, zu der Familie mit dem Baby, zu Berner Sennenhund, Königspudel und Neufundländermischung und zu Dominik und Annie.

Es war total schön bei euch! Danke für eure herzliche Gastfreundschaft, und maybe, see you in Hamburg. Über 600 Kilometer liegen vor uns. Mit 110 Stundenkilometer geht es stetig voran. Zuerst fährt Dieter, dann ich. Hinter Aulds Cave, kurz vor dem Damm über die Strait of Canso bei Port Hawkesbury, machen wir in einem Motel mit Blick auf die St. George Bay Mittagspause. 2017-08-09_kanadaWir essen beide einen mit Rotbarsch und Gemüse gefüllten Wrap, dann geht es weiter. Nach etwa 70 Kilometern erreichen wir den Cabot Trail, die 300 Kilometer lange Panoramaringstraße um die Kap-Breton-Insel von Nova Scotia.

Von Kilometer zu Kilometer wird es schöner. Rechts der Atlantik, links kleine oder größere Holzhäuser, weiß, gelb, blau, ab und zu ein Restaurant – selbstverständlich steht Lobster auf der Speisekarte – und zum Kauf von Handwerkskunst der Region wird eingeladen.Was sich dahinter verbirgt, werden wir wohl in den nächsten Tagen in Erfahrung bringen. Um kurz nach sieben kommen wir in unserer neuen Unterkunft in New Haven an. Es ist bezaubernd hier: ein kleiner Fischerhafen direkt vor der Tür, dahinter der Strand und unsere Gastgeberin, Joanne, ungefähr in unserem Alter, zeigt uns nach einer herzlichen Begrüßung sogleich ihr Haus, in dem schon ihre Urgroßeltern gewohnt haben und unser Zimmer. Das Haus ist top renoviert, innen in einem hellen, freundlichen Gelb gestrichen, die Decken weiß und voller Sammlergegenstände aus uralten Zeiten.


Joanne verbringt schon seit zwanzig Jahren die Sommermonate hier, macht dann von hier aus für eine – vielleicht auch ihre eigene – Firma in Alberta die Buchführung, praktiziert, ähnlich wie wir Yoga und sagt, dass wir uns in der Küche einfach nehmen sollen, was wir brauchen. Wir wollen erst einmal rüber, zum Leuchtturm und zu dem kleinen Restaurant, wo wir vielleicht noch etwas essen und trinken können.


Das ist ja unfassbar schön hier! Die Abendsonne taucht alles in ein romantisches Licht, da stört es eigentlich gar nicht, dass das Lokal leider heute wegen eines defekten Küchengerätes geschlossen hat. Wir lassen uns auf die bunten Holzbänke fallen, genießen den Sonnenuntergang am Meer und beschließen, an dieser Stelle morgen früh Yoga zu machen.

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Riverside-Albert Tag 4

8.8.2017 Riverside-Albert Tag 4
Wir wussten, dass es heute regnen würde. Beim Frühstück ist es grau und bewölkt und deutlich kühler als gestern. Gegen halb zwölf brechen wir auf zum Fundy Trail Park. Dort soll man unter anderem mit dem Auto 13 Kilometer lang von einem Aussichtspunkt zum nächsten fahren können. Wir bezahlen 8,50 CAD pro Person und sind drin. Trotz leichten Nieselregens können wir weit über die Fundy Bay blicken. Es ist ziemlich leer hier an einem ganz normalen Dienstag. Ob das wohl immer so ist? Dieter meint, dass es bei Sonnenschein und am Wochenende hier boomen würde. Na hoffentlich! Es ist schließlich eine großartige Idee, allen Menschen einen Zugang zu ansonsten unberührter Natur mit grandiosen Ausblicken, häufig sogar barrierefrei, zu ermöglichen. Wir halten an den Grabstätten der ersten Siedlerfamilien aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die es hier mit dem Bau von Schiffen zu Wohlstand gebracht haben. Schön, dass auch die Frauen hier alt geworden sind und geehrt werden! Im Informationszentrum des Parks, der im übrigen nicht zum Fundy Nationalpark gehört (deshalb auch die Eintrittsgebühren), werden wir freudigst begrüßt und gefragt, wo wir denn herkämen. Als wir Deutschland sagen, staunen sie. “From so far away!”

Wir haben bisher tatsächlich erst eine deutsche Familie gesehen, bei den Hopewell Rocks, wir sind hier also eine besondere Spezie. Wir werden sogleich eingeladen, uns einen Videofilm über den Park anzuschauen. Mit vier anderen Touris lassen wir uns das, was wir vor der Tür live sehen, noch einmal als Film mit Musik unterlegt, vorführen. Auf dem Trail gibt es etwa zehn ausgewiesene Viewpoints. Wir machen Halt am “Long Beach”, einem schönen Strand, an dem überdachte und freistehende Picknicktische zum Verweilen einladen. Doch heute herrscht eine gähnende Leere.

Am Ende des Trails gibt es einen Fußweg von etwa 700 Metern zu einem Wasserfall. Den wollen wir nehmen. Es geht allerdings gleich steil abwärts, der Regen hat zugenommen, die Gefahr, dass wir ausrutschen, ist zu groß. Wir lassen es. Gegen halb fünf verlassen wir den Fundy Trail Park, passieren noch einmal den kleinen, beschaulichen Hafen von Saint Martins mit seinem dazugehörenden einladenden Lobsterrestaurant, widerstehen der Versuchung, dort einzukehren und fahren stattdessen die 60 Kilometer nach Saint John weiter, Hauptstadt und wirtschaftliches Zentrum von Brunswick, mit etwa 125000 Einwohnern. Morgen wird Marcel von hier aus nach Toronto fliegen und allein weiterreisen. Gleich zu Beginn kommen wir am riesigen Irving-Öl-und-Gaskonzern mit seinen unvermeidlich dampfenden Schloten vorbei.

Wir essen in einer urigen Steakhauskneipe, uns ist nach dem vielen Lobster der vergangenen Tage zur Abwechslung mal nach Fleisch. Unten laufen zwei Fernseher, in dem einen Baseball, – ein Spiel dessen komplizierte Regeln ich bis heute nicht verstehe, obwohl Marcel es mal zwei Jahre lang ausprobiert hat, – auf dem anderen Tennis. In der hinteren Ecke ist ein Tisch frei, doch leider tropft Wasser durch die Decke. Im oberen Stockwerk ist das eigentliche Speiselokal. Wir entscheiden uns, unten zu bleiben und warten, bis uns ein Tisch zugeteilt wird. Die Steaks sind ausgezeichnet.

Wir schauen uns noch an, wo Marcels Bus morgen ankommen wird und machen uns gegen 19 Uhr auf nach Moncton. Dort wohnt eine Freundin von Marcel, die er vor drei Jahren auf seiner Weltreise in Australien kennengelernt hat, und wo er sich um 20:50 Uhr in einer Neubausiedlung absetzen lässt. 2017-08-08_kanada-15Tschüss, Marcel, jetzt wirst du wieder Abenteuer auf eigene Faust erleben. Wir wissen inzwischen: du kannst das! War schön mit dir!

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Riverside-Albert Tag 3

7.8.2017 Riverside-Albert Tag 3
Beim Frühstück lernen wir Brigitte und Philippe kennen, sie leben zusammen in Ottawa, Brigitte ist Kanadierin, Philippe kommt ursprünglich aus Lyon, in Frankreich, hat dann 25 Jahre in den USA gelebt, zwei Kinder und eine Exfrau dort, bis er, heute 73, Brigitte kennengelernt hat, die ich auf etwa 50 schätze. Sie haben zusammen eine 23-jährige Tochter. Wir sind uns sympathisch. Draußen scheint die Sonne, also nichts wie raus, in den Fundy Nationalpark. Heute ist Wandern angesagt. Im Informationszentrum gibt uns eine äußerst charmante Mitarbeiterin Tipps zu den besten Wegen. Als erstes geht es zum Point Wolfe Gebiet und den Coppermine Trail entlang. Hier wurde wohl mal Kupfer abgebaut, woran heute aber nur noch der Name erinnert. Wir wandern etwa anderthalb Stunden durch einen nach Tannen und Fichten duftenden, wunderbar frischen Mischwald. Das macht sofort gute Laune. Nach einem längeren Abstieg erreichen wir über eine Holzbrücke den Pointe Wolfe Beach. Es ist Hochwasser, also nur ein schmaler Streifen zum Laufen am Strand.

Es weht ein kühler Wind, so dass noch niemand von uns Lust hat zu baden. Weiter hinten lassen sich einige Leute allerdings nicht davon abhalten. Als wir zur Holzbrücke zurückgehen, hat das Wasser schon die unterste Stufe erreicht, wir sind also gerade noch rechtzeitig umgekehrt. Der nächste Halt ist bei den Dickson Falls, ein kleiner Rundweg von etwa einer Stunde, vorbei an einem niedlichen, kleinen Wasserfall, der uns, besonders nachdem wir gerade die Niagara Falls gesehen haben, eher weniger imponiert. 2017-08-07_kanada-1Die Vegetation kommt uns vertraut vor, unten, wo es feucht ist, Farne, weiter oben Tannen, Fichten, Ahorn und Birken. Wir fahren weiter zu dem dritten und nach Aussage der Nationalparkmitarbeiterin schönsten Wandergebiet des Parks, dem Laverty. Dorthin gelangen wir mit dem Auto über eine acht Kilometer lange Schotterpiste. Zum Glück habe ich meine Wanderstöcke dabei und gegen 14 Uhr geht es den Moosehorn Trail hinunter. Über Stock und Stein, über große und kleine Wurzeln, immer bergab. Man muss sich konzentrieren, um nicht zu stolpern. Wir mögen das.

Es ist halt nicht Spazierengehen,sondern Wandern mit Klettern. Nach, wie es uns scheint, endlosen Kilometern bergab, hören wir in der Ferne johlende Stimmen. Da wird gebadet, los, da wollen wir hin. Der Weg ist immer noch steinig, geht immer noch bergab, wir schwitzen, brauchen noch mindestens eine halbe Stunde. Dann erreichen wir die ersehnten Badegumpen am Wasserfall. Etwa 20 andere Wanderer genießen schon das kühlende Bad oder sitzen auf den Felsen, und gucken, wer so alles kommt. Auch Marcel ist natürlich schon lange vor uns da: “Geil hier!” Dieter ist blitzschnell in Badehose und im Wasser:”Überhaupt nicht kalt!”2017-08-07_kanada-4Manno, bei mir dauert die Umzieherei ewig, ich will da auch rein! Endlich, endlich stecke auch ich meine Füße in das kühle Nass, geschafft! Herrlich! Baden im Broad River von Kanadas Fundy Nationalpark! Was für ein Genuss! Wir haben es sooo gut! Ente ist das Leben schön!
Mit neuer Energie geht es weiter. Zuerst am Fluss entlang, auf Felsen balancierend, wenigstens ist der Weg gut markiert, dann wieder mehr in den Wald hinein. Über uns kanadische Balsamtannen und Weißfichten. Als ich mich einmal an einem Ast hochziehe, bekomme ich harzige Finger, es klebt an meinen Wanderstöcken. “Ablutschen, Spucke drauf” meinen Dieter und Marcel fast gleichzeitig. Es hilft. Um ungefähr 16 Uhr überholen uns immer mehr Leute. “Das kann doch nicht angehen” mault Marcel. Aber ich brauche eine Pause.

Wir ruhen uns am Fluss unten eine halbe Stunde aus, und ich bin richtig eingeschlafen. Dann geht es an das letzte Drittel, nur noch bergauf, steil bergauf, so wie wir am Anfang abgestiegen sind. Marcel läuft vor. Dieter und ich geben unser Bestes. Jetzt überholen auch wir mehrere Wanderer und schaffen den Aufstieg in weniger als einer Stunde. Das war geradezu Hochleistungssport. Zufrieden und erschöpft fahren wir zurück nach Alma, um ein paar Einkäufe zu erledigen, vor allem, um Dominik und uns für heute Abend Lobster mitzubringen. Wir sollen sie ihm lebend bringen. Wir betreten Collin’s Lobster Shop, und sehen, dass auch Philippe aus unserem B&B gerade dort ist und in einem riesigen Becken voller lebender Hummer nach einem greift.

Wir staunen, Mensch, die beißen doch! Da kommt auch schon eine fachkundige Verkäuferin und fragt, wie groß wir sie denn gern hätten. Wir suchen uns vier eher kleine aus, zusammen bringen sie 7,4 pounds auf die Waage, also etwa 3,4 kg, Philippe nimmt zwei größere. Sie werden in eine Plastiktüte gesteckt, und so sollen wir sie die 30 km im Auto nach Hause fahren. Marcel wird auserwählt, die Tüte zu tragen. Er lässt sich eine zweite geben, darf sich mit seinen Begleitern im Auto nach vorn setzen, und wir hoffen, dass keines der köstlichen Meerestiere auf die Idee kommt, seine Umhüllung zu verlassen und im Kia herumzukrabbeln, oder auch nur die Tüte durchzubeißen und so den schönen Neuwagengeruch für alle Zeiten mit fischigem Lobsteraroma zu veredeln. Wir schaffen es, Dominik unser Abendbrot heil abzuliefern und schauen ihm dabei zu, wie er sie ab- und anrichtet. Warum bin ich eigentlich immer noch nicht Vegetarierin?

Gegen 21 Uhr verspeisen wir gegrillten Lobster. Es ist und bleibt eine vorzügliche Delikatesse. Annie hat noch einen Salat, Zitrone, Koriander und Knoblauchbutter dazugestellt und natürlich ihr wunderbares, selbstgebackenes Brot, und wir genießen zusammen einen netten, geselligen Lobsterabend.

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